Wahrheiten. Oder: Das Ende einer Affäre

Es war nicht richtig, was wir damals getan haben. Aber was ist schon richtig? War es richtig, mich zu ficken?

Ja. Nein. Vielleicht.

Wenn ich zurückblicke, kann ich exakt den Punkt benennen, an dem er und ich uns verloren. Wir Frauen wissen immer, ab welchem Punkt wir nicht mehr zurück können. Alles, was davor war, wird bedeutungslos. Das Leben vor diesem Punkt wird kurzzeitig zu einem blinden Fleck in unserer Biographie.

Es war ein Kuss. Ein simpler Kuss, der nicht besonders außergewöhnlich war. Und er war es doch. Weil ich auf meiner Steuererklärung „ledig“ ankreuzen muss, er dagegen „verheiratet“. Das war der Unterschied. Ein kleines Kreuz auf einem weißen Papier. Ein Ehering, den er während dieses Kusses trug und ich nicht. Dazu kamen all die Jahre, die zwischen uns lagen und über die wir uns permanent Gedanken machten, ohne je darüber gesprochen zu haben.

Wann man sich geküsst hat, ist die Linie überschritten. Sobald es um Betrug geht, wird unsere Gesellschaft inkonsequent. Die Gedanken, die er wochenlang mit sich herumtrug und die er mir an ruhigen Sonntagen ins Telefon flüsterte, waren kein Betrug. Das waren kleine Dummheiten verheirateter Männer, die vor ihren Frauen kapitulierten. Er kapitulierte vor seiner Ehe, die zwar Teil seines Lebens war, aber nicht mehr Teil seiner Gedanken. Manchmal erzählte er mir von ihr. Sie war schön. Vielleicht sogar ein bisschen schöner als ich. Doch ihr Körper glich schon seit Jahren einem Pol, der niemals wieder schmelzen würde. Er akzeptierte diese Tatsache auf eine sehr traurige Art und Weise. Er wusste, dass er nichts tun konnte, außer sich auf die Suche nach etwas zu begeben, das in seinen Händen schmolz und in dessen Händen er selbst endlich wieder schmelzen durfte.

Er fand mich.

Das konnte er sich lange Zeit nicht eingestehen.

Bis zu diesem Kuss.

Die Gedanken daran, wie er mich in einem kleinen Hotelzimmer wieder und wieder ficken würde, wurden zu etwas Greifbarem. Er und ich wurden zu etwas Greifbarem. Wir wurden zu einer Affäre. Das war der Punkt, ab dem es kein Zurück mehr gab. Ich bin immer noch der Meinung, dass seine Frau davon wusste. Selbst wenn sie es nie hätte aussprechen können. Die Heimlichkeiten, die sich über mehrere Monate wiederholten, waren zu auffällig: Überstunden, spätabendliches Duschen und SMS nachts um drei, die ich ihm schrieb, wenn ich betrunken war und ihn vermisste. Dazu mein Geruch. Ich liebte es, wenn sein Geruch an mir kleben blieb. Dass sie meinen Geruch nie wahrgenommen hat, kann ich bis heute nicht recht glauben.

Als wir uns zum ersten Mal küssten, schien alles, was danach geschehen sollte, einer geradezu unausweichlichen Logik zu folgen. So ist das bei Affären. Er küsste mich und danach fickte er mich. Aber eigentlich tat er viel mehr als das. Das Glück, von dem er dachte, er hätte es mit seiner Ehefrau gepachtet, wurde enttarnt. Er musste sich eingestehen, dass seine Doppelhaushälfte eine Lüge gewesen war. Ab jetzt gab es nur noch die Wahrheit und er musste mit ihr klarkommen.

Was war meine Wahrheit? Vielleicht die, dass ich diese Geschichte erst heute aufschreiben kann. Mit Wahrheiten ist das immer so eine Sache. Jeder will die Wahrheit wissen, doch tief in unseren Herzen wollen wir lieber mit einer Lüge glücklich werden. Hauptsache Glück. Hauptsache Ehe, zwei Kinder und volltrunkenes Glück.

Er schob seine Hand unter meinen Rock. Die Finger, die bei seiner Frau nur noch auf Ablehnung stießen, sehnte ich regelrecht herbei. Er vergrub seinen Kopf in meinen Haaren und ich schloss die Augen, weil es gar keine andere Möglichkeit zu geben schien. Bei solchen Erlebnissen muss man die Augen schließen. Unser Sex war langsam. Kein Vergleich zu der Gier, die ich heute an Tag lege. Ich spürte ihn in mir und ich hatte riesige Angst davor, dass wir irgendwann mit dem Ficken aufhören würden. Sein Körper war brutal. Die langen Durststrecken seiner Ehe hatten ihn unnachgiebig gemacht. In seinen Bewegungen lag trotzdem so viel Zärtlichkeit. Manchmal konnten wir das Glück unserer kleinen, goldenen Nachmittagsstunden gar nicht fassen. Mich packten hin und wieder Zweifel, die er aber mit seinem Schwanz und seinen Worten wegfegte wie Staub.

So trafen wir uns wieder und wieder in diesem Hotel in der Nähe der Agentur, in der ich seinerzeit arbeitete. Ich kaufte mir ein wirklich reizendes Paar Schuhe, mit dem ich freudig über das Fischgrätparkett des endlos langes Flurs tänzelte. Rechts und links hingen die Auszeichnungen, die die Agentur gewonnen hatte. Und zwischen meinen Beinen befand sich sein damaliger Mittelpunkt der Erde. Ich wusste damals noch nicht, dass weibliche Jugend wie eine Droge für Männer sein kann. Sie verlieren ihre Sinne und es fühlt sich wie Liebe an. Aber es ist nur ein Rausch, der mit einem harten Entzug endet. Oder mit einer Überdosis.

Doch all das lernt man erst, wenn man es erlebt hat. Jede Geschichte darüber kann einem niemals die Dinge beibringen, die man fühlt, wenn man Monate später in der Parfümerie steht und eines dieser Stäbchen mit seinem Duft besprüht. Und sich danach ein Abgrund vor einem auftut, der unüberwindbar scheint. Man muss einmal den Blick tuschelnder Rezeptionistinnen gespürt haben, die schon beim ersten Treffen und lange vor einem selbst wussten, dass für dieses Zimmer kein Frühstück benötigt wird. Nicht heute und morgen auch nicht. Niemals. Affären frühstücken nicht.

Seit diesen Tagen habe ich eine Vorliebe für weiße Bettwäsche. Wie schaffen das die Hotels, dass die Bettwäsche immer so schön raschelt? Hotelzimmer. Auch so ein Klischee.

Affären bestehen aus Klischees. Sie bestehen aus Nachrichten, in denen er mir sagte, welche Strümpfe oder welche Schuhe ich anziehen sollte. Sie bestehen aus verfrühten Orgasmen, weil ich ihn auf eine Art und Weise in mich aufnehmen konnte, die seiner Frau nach zwei Kindern unmöglich zu sein schien. Da sind wir wieder bei den Wahrheiten, die keiner hören will.

Was ist meine Wahrheit? Vielleicht die, dass ich ihn vor einiger Zeit gesehen habe. Er trug dasselbe Parfüm wie damals und ich sah in denselben Abgrund. Sein Sohn begleitete ihn. Dieser kleine Junge, der damals in den Kindergarten ging und heute in die Schule geht.

Als ich ihm in die Augen sah, wusste ich, dass ich seine Wahrheit bin. Gleichzeitig verkörpere ich die Lüge, mit der er seitdem leben muss.

Er dagegen verkörpert den Teil von mir, der gerne gegen das Doppelhaushälften-Idyll wettert.

Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich diese Doppelhaushälften nur so sehr hasse, weil er sich damals für sie und nicht für mich entschied.

Das ist wohl meine Wahrheit. Ich lebe nicht besonders gerne mit ihr.

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3 Kommentare

  1. transomat sagt:

    Marie, ich liebe es wie Du reflektierst. Wie schön das ich Deinen Blog gefunden habe.

  2. kraejsi sagt:

    Das einzig schlimme, was ihr beiden getan habt, war das Ihr unehrlich wart. Er zu seiner Frau und Du das Du es auch noch zugelassen hast. Aber ich versteh auch Dich, das Du im Rausch dieses Glückes und evtl. auch Geilheit darauf gepfiffen hast.
    Er war der jenige der lieber eine Affäre beginnt als mit seiner Frau offen zu reden, sowas nenn ich feige und wenn er damit durchkommt wird er immer wieder feige sein.
    Herzlichen Dank für Deine selbstreflektierende Geschichte. An der ich sehe, das Ehrlichkeit immer wieder besser ist als Feigheit

    1. Ich beobachte es mit großem Interesse, wenn Menschen aufgrund einiger anonymer Zeilen aus dem Internet solch umgreifende Urteile fällen.
      Wir alle machen Fehler. Wir scheitern an unseren Ansprüchen und denen der Gesellschaft. Ich dokumentiere das hier lediglich. Moralische Analysen sind nicht mein Spezialgebiet.

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