Vom Mut, sich zu entdecken

An Anleitungen, Workshops, Büchern und Ratschlägen mangelte es nicht. Doch trotzdem war mein eigener Körper lange etwas, dem ich mich nicht annähern konnte. Ich habe viel gelesen und recherchiert. In diesem Stadium – oder besser gesagt: im Kopf – bin ich steckengeblieben. Michaela Riedl sagte neulich in einem Podcast: »Liebe kann man nicht lesen. Ich muss es erfahren. Angelesenes Wissen erschafft noch keine Erfahrung. Genauso ist es mit Berührung.« Ich kann ihr rückblickend nur zustimmen

Was hinderte mich daran, echte Erfahrungen mit meinem Körper zu machen? Diese Frage konnte ich erst vor wenigen Tagen das erste Mal für mich wirklich reflektieren. Ich wusste nur, dass ich lange Zeit von einer diffusen Angst begleitet wurde.

Davor, dass ich nichts vorfinden würde; dass mein Körper nicht in der Lage wäre, tiefe Empfindungen zu haben; dass ich ein fehlerhaft ausgeliefertes Modell »Frau« wäre.

Wenn ich von echten Erfahrungen schreibe, meine ich nicht die schnellen Orgasmen abends vor dem Einschlafen mit angespanntem Beckenboden, Vibrator auf höchster Stufe und einem HD-Porno auf dem Handy. Ich spreche von Tiefe, Langsamkeit, Loslassen … von echtem Kontakt und einem echten Dialog mit meinem Körper.

Gleichzeitig hätte ich mir eingestehen müssen, dass ein Teil meiner Sexualität lediglich eine Imitation dessen war, was ich für Sexualität hielt. Das fängt bei der Vortäuschung eines Orgasmus an und endet beim Tragen von Dessous, die mir selbst nicht gefielen, aber wenigstens meinem Partner. Die unzähligen Male, als sich Männer begierig auf meine Brüste stürzten, obwohl ich selbst überhaupt keinen Kontakt zu diesem Teil von mir hatte, möchte ich hier auch erwähnen. Unbewusst war mir das seit meinem ersten Mal Sex klar. Das Problem: Ich hatte keine Alternative. Ich kannte Pornos und dauer-orgasmische Frauen. Also entschied ich mich (unbewusst) für Porno und Dauer-Orgasmus – selbst wenn es sich nur um eine Maskerade handelte.

Es gab niemanden, der mich hielt und achtsam massierte. Oder der mich anleitete, vaginal etwas zu spüren. Die (Sex-)Partner, die ich hatte, liefen ebenfalls mit ihren eigenen blinden Flecken durch die Welt. Und da wir Männern immer noch die Rolle des sexuellen Erweckers zuschreiben, verstärkt sich das System permanent selbst.

Hätte ich mir nun bewusst eingestanden, dass meine Maskerade nur Imitationsversuche des Prototyps »lustvolle Frau« waren, hätte das eine wichtige Quelle meines (damaligen) Selbstwerts versiegen lassen: die sexuelle Aufmerksamkeit von Männern. Denn wenn ich etwas vorspielte, bekam ich wenigstens das. Der Abschied von diesem Spiel hätte konkrete Verluste für mich bedeutet – ohne zu wissen, ob die Alternative (vulgo: meine echte Lust) auch nur annähernd so schillernd und ekstatisch sein würde wie die Lust, die ich teilweise vorspielte.

Einen Schritt auf sich selbst zuzugehen, bedeutet manchmal, dass ein großer Abstand zu den Menschen entsteht, die bis dato elementar für die eigene Sexualität waren. Beziehungen hätten einen großen Knick verkraften müssen, wenn ich mich geoutet hätte. Es schien sicherer, meinen Körper nur so halb zu bewohnen statt in die Vollen zu gehen.

Bei meiner ersten Tantra-Massage im Jahr 2015 habe ich einen kleinen Vorgeschmack auf das bekommen, was mich erwarten würde, wenn ich diesen Schritt auf mich selbst zugehen würde. Der Nebel in meinem persönlichen Gebirge lichtete sich für wenige Stunden und ich konnte die Sonne auf der Haut spüren und sie in weiter Ferne sehen.

Intuitiv wusste ich: Das ist mein Ziel. Da will ich hin. Ich möchte jeden Tag die Sonne auf der Haut spüren.

Es sollte noch Jahre dauern, bis ich bereit dafür war und die Neugier auf mein eigenes, erotisches Selbst größer war als meine Motivation, die Maskerade weiterzuspielen.

Ich erinnere mich nicht mehr an den genauen Zeitpunkt oder das Setting, wann die Reise begann. Ich weiß aber noch, wie ich meditierte und danach mit öligen Händen meine Brüste in der Hand hielt und ganz leise »hey« sagte, während mir sofort die Tränen über die Wangen liefen. Mehr passierte beim ersten Mal gar nicht. Wobei … für mich waren die Botschaften, die mein Körper mir gab und der Dialog, der da entstand, absolut radikal.

Danach war das Eis gebrochen und ich wagte mich immer weiter vor. Manchmal war ich wie taub und auch das lernte ich zu akzeptieren. Am Ende musste kein Super-Orgasmus stehen. Ich erlaubte mir, kein Ziel zu haben und das ist in unserer leistungsorientierten Form der Sexualität eine kleine, persönliche Revolution. Es ging um die Zeit mit mir selbst, um das Praktizieren von Liebe zu mir selbst. Ich tat etwas nur für mich, ohne die Stunden, die ich mir dafür nahm, einem Optimierungsgedanken unterzuordnen. Es gab nichts zu lernen, sondern etwas zu erfahren und zu erleben.

Meine früheren Ängste waren unbegründet. Je mutiger ich mich mit meiner Lust auseinandersetzte, umso mehr bekam ich das Gefühl: Ja, dieser Körper gehört dir. Du hast einen Platz gefunden, zu dem du immer zurückkehren kannst – selbst wenn es den Männern da draußen zu viel mit dir wird. (Auch eine diffuse Angst: Dass ich zu viel fühle und dass mein Hunger auf das Leben und auf Erotik zu viel ist.)

Ich könnte noch seitenweise über das schreiben, was ich während dieser Entdeckungsreise erlebte. Oder besser gesagt: Ich erlebe es bis heute. Genauso könnte ich Seiten damit füllen, welchen Mut es mich kostete, die Erkenntnisse über meine Lust in meine Begegnungen mit Männern einzubringen. In aller Konsequenz gelang mir das übrigens erst vor Kurzem. Mit diesem Text möchte ich jedoch eine andere Botschaft transportieren. Ich lese in sozialen Netzwerken häufig den Ratschlag, man frau solle doch bei sexuellen Problemen erst mal ihren Körper erforschen und dann einfach (einfach!) kommunizieren, was sie möchte. Gepaart mit der Aufforderung, sich so zu akzeptieren, wie man ist. Dann geht das quasi alles von selbst. Sex ist schließlich natürlich, macht es bitte nicht kompliziert.

Solche unterkomplexen Aussagen haben mich persönlich nie bei den Herausforderungen meiner Sexualität abgeholt. Im Gegenteil: Niedergeschrieben klingt das tatsächlich sehr einfach. Was automatisch zu der Frage führte, warum das für mich nicht so einfach war. (Es zu praktizieren, ist dagegen sehr einfach. Nur an den Punkt musste ich erst mal kommen.) Die Vorstellung, bei allen anderen wäre das total einfach, führte wiederum zu der Entscheidung, meine Maskerade weiter aufrechtzuerhalten, um bloß nicht zugeben zu müssen: Nö, sorry, ich finde das alles andere als einfach.

Welche Wahrheiten sich unter Oberfläche verstecken, erkennt man eben erst, wenn man länger und genauer hinschaut. Daher halte ich von solchen Ratschlägen wenig bis nichts, obwohl sie einen wahren Kern haben. Das echte Leben ist deutlich ambivalenter. Da gibt es Ängste, Traumata, Verpflichtungen, Partner*innen und Umfeldfaktoren, die einen blockieren. Nicht zu vergessen die sexuelle Kultur, in der wir leben und die uns nicht gerade zu echter Freiheit animiert. Zwischen all diesen pain points oszillieren wir und bekommen dann die Anweisung, uns doch bitte zu entspannen. (Ich kann jede Frau und jeden Mann verstehen, der/die sich an dieser Stelle lieber zurückzieht.) Nein zu sagen, ist manchmal das letzte Stückchen Autonomie, das einem bleibt.*

Das Schöne ist: So schwierig die pain points sind – sie verbinden uns. Als Menschen, als kollektive Erfahrung. Je eher wir uns trauen, darüber zu sprechen, umso eher entsteht eine echte Verbindung. Das ist nun meine persönliche Geschichte und sie aufzuschreiben, war alles andere als leicht. Mein Abenteuer geht weiter und es wird hoffentlich noch viele weitere Momente geben, in denen der Mut die Angst überwiegt.


* Danke an Esther Perel, in deren Buch ich diesen Gedanken fand.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.