So war’s auf der Passion BDSM & Fetisch Fair 2018

Vorab: Ich bin sehr müde. Sehr! Aber fuck, es hat sich gelohnt. Die Events, auf die man sich wochenlang freut, sind oft gar nicht so toll wie gedacht. Das war bei der Passion definitiv nicht der Fall. Fangen wir von vorne an …

Am Hamburger Hauptbahnhof angekommen, musste ich mir erst mal ein Ladegerät kaufen, weil ich meines zuhause vergessen hatte. Mein guter Freund Alain holte mich freundlicherweise ab. Wir hatten uns seit Ewigkeiten nicht gesehen und ich war ziemlich aus dem Häuschen. Im Auto drückte er mir zwei Latex-Stücke in die Hand: „Schau mal, ob dir das passt.“

Wir fuhren zu meinem Airbnb in der Nähe der Messe, damit ich einchecken konnte. Latex-Teil Nr. 1 (ein String) war mir etwas zu klein. Latex-Teil Nr. 2 (ein langes Oberteil) war mir zu groß. Schade, ich wäre gerne mal in Latex gegangen. (Dazu: Ich finde das Material extrem geil. Warum ich es nicht besitze? Ich finde die Eintrittsbarriere bei Latex ziemlich hoch: Preise, Entscheidung für Material und Verarbeitung (chloriert, gegossen, gewalzt, Dicke etc.) und der ganze Pflegeaufwand. Wenn es möglich wäre, ein perfekt passendes und poliertes Teil für einen Abend anzuziehen – sofort! Ich habe nur keine Lust auf das umständliche „Drumherum“.)

Daher trug ich das Outfit, das ich mir bereits zuhause zusammengestellt hatte. Die Lackstiefel waren bequemer als gedacht und ich sollte es sehr lange auf ihnen aushalten. Nach einem Gläschen Sekt auf meinem Zimmer tigerten wir auf die Messe.

Es war angenehm viel los. Die Abwicklung mit den Tickets und der Garderobe hat super geklappt. Die Messe in Schnelsen ist eher ein Bürogebäude, bei dem die Wände eingerissen wurden. Keine großen Hallen mit hohen Decken. Gemütlich und übersichtlich – würde ich sagen. Gut die Hälfte der Besucher war komplett kinky gekleidet. Der Rest schwankte zwischen Alltagsklamotte und „naja, ein Halsband geht schon“. Ich fühlte mich in meinem Outfit wohl. Es erstaunt mich jedes Mal, wie wenig man in diesem Umfeld angestarrt wird. Ist ein bisschen wie beim FKK.

Wir schauten zuerst bei den Dominas vorbei, um hallo zu sagen. Dort blieben wir eine Weile, weil es sehr angenehmen und witzig war. Sie hatten zwei Sklaven dabei, die ihre Taschen trugen und sie mit Getränken versorgten. Ich schlug Alain vor, dass wir das doch auch so machen könnten. Er sprang leider nicht darauf an.

Danach liefen wir gemütlich über die Messe. Alain kannte auch einige Leute, mit denen wir ins Gespräch kamen. Der einzige Nachteil: So richtig Zeit bzw. Muse zum Schauen hatte ich nicht. Das werde ich wohl mit Ausstellerliste und Internetbrowser nachholen müssen. Es waren viele Stände dabei, die interessante Sachen hatten. Von der Zusammenstellung her gefiel mir das gut. Da ich Vincent ein kleines Mitbringsel angeküdigt hatte, kaufte ich einen Plug aus Metall für ihn. (Denn wir wissen: Meine eigenen Plugs teile ich nicht.)

Im Cafébereich traf ich mich mit einer Twitterin, die ebenfalls dort war. Ich hätte gerne noch ein bisschen länger und in Ruhe gequatscht. Vielleicht gibt es ja ein nächstes Mal …

Alain und ich setzten unsere Runde fort. Da meine neue Netzstrumpfhose am Abend zuvor kaputt gegangen war, kaufte ich mir (zusammen mit einem kleinen Gummi-Flogger) eine neue. Von weitem sahen wir eine Menschentraube um die Bühne stehen und entschieden uns dazu, uns die Sache genauer anzusehen. Es stand eine Latex-Bondage-Performance auf dem Programm (Proud Flesh Bondage). Und wenn es irgendwo Latex gibt, bekomme ich Alain schlecht wieder weg davon.

Es war … wow. Ich glaube, ich hatte kurz Tränen in den Augen. Ich bin sehr oft in der Situation, dass mich andere Menschen fragen, worin der Reiz all dieser Spielarten abseits des Üblichen liegt. Ich bin mittlerweile an dem Punkt, an dem ich das nicht mehr erkläre. Entweder man findet es geil oder eben nicht. Diese Magie, die da auf der Bühne passierte, kann ich nicht erklären. Fertig aus. Entweder sieht man nur zwei Menschen, sechs Seile und ein Stück Plastik auf der Haut. Oder man sieht das große Ganze.

Dieses Schwingen zwischen Ekstase und Normalität, diese Amplituden zwischen Rausch und Ruhe – das ist nicht erklärbar. Jeder Mensch lebt es. Die einen beim Sport, die anderen mit exzessiven Überstunden und die nächsten mit ausuferndem Alkoholkonsum auf einer balearischen Insel. Das eine ist nicht schlechter als das andere. Auf einem Musikfestival zu stehen und zu spüren, wie man mit der Welt, den Menschen und sich selbst verschmilzt, ist nichts anderes als das Gefühl, das die Frau auf der Bühne hat, wenn ihr Partner kraftvoll an den Seilen zieht und sie plötzlich kopfüber hängt. Wahrscheinlich war es ihr Lächeln, das mich so tief traf. Ich kenne dieses Lächeln sehr gut. Es kennzeichnet den Moment, in dem man sich innerlich von der Welt verabschiedet.

Es ist diese Sehnsucht nach Ganzheit, die uns in die Arme der Ekstase treibt. Dort scheinen wir sie zu finden – selbst wenn es nur für einen kurzen Moment ist. Und wie bei Ebbe und Flut bäumen wir uns auf und ziehen uns wieder zurück.

Aber genauso wenig wie ich das Glück an sich erklären kann, genauso wenig kann ich dir erklären, warum manche Menschen BDSM ekstatisch erleben und andere nicht. Wir dürfen nur nicht den Irrtum begehen und denken, BDSM sei vollkommen anders als andere Arten der Ekstase. Es hat denselben Kern. Es ruft dieselbe Melodie hervor. Nur die Instrumente unterscheiden sich.

All diese Gedanken hatte ich, als ich das Bunny auf der Bühne lächeln sah.

Alain und ich entschieden, uns langsam auf den Heimweg auf zu machen. Wir fuhren kurz bei meinem Airbnb vorbei, um meine Klamotten für die Party zu holen, und gingen danach vietnamesisch essen. Dann mit dem Taxi ab ins Catonium.

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1 Kommentar

  1. transomat sagt:

    Dieses Glück erlebe ich teilweise wenn ich von Dir lese Marie. DANKE

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