In der Schwitzhütte

Für Anfang September hatte ich eine Reise nach Berlin geplant, zu der auch Constantin mitkommen sollte. Er machte den Vorschlag, gemeinsam ein Schwitzhütten-Ritual zu besuchen. Ich sagte ja, ohne lange darüber nachzudenken. Angeboten wurde es von Simon Debonnaire.

Den Tag zuvor erhielten wir eine Nachricht, wie wir uns vorzubereiten hatten. Frühstück und Mittagessen waren erlaubt, ab abends war Fasten angesagt. (Obst durfte man essen.) Ich interpretierte diese Vorgabe sehr flexibel und aß am Mittwochabend noch eine kleine, vietnamesische Suppe mit zwei Freundinnen. Die Aufregung stieg und ich musste dem Drang widerstehen, mich akribisch über das Ritual zu informieren. Ich wollte es nehmen, wie es kommt.

Am Donnerstag ging es für uns recht früh los. Um acht Uhr trafen wir uns mit Simon in Pankow, von dort fuhren wir ca. eine Stunde weiter Richtung Norden. Das Areal am Waldrand ähnelte einer weitläufigen Ranch. Man war nicht komplett fernab der Zivilisation, aber als Stadtkind fühlte ich mich etwas verloren.

Die Stille breitete sich langsam aus. Es wurde kaum geredet. Simon und der Fire Keeper sammelten Holz für das Feuer. Ich setzte mich ins Gras. Nachdem genügend Holz am Platz war, bekam die Gruppe die Aufgabe, die Steine zu reinigen (die für die Hitze in der Cabana sorgen) und sie mit unseren individuellen Gedanken zu versehen.

Okay. Ich nahm mein kleines Bürstchen in die Hand und legte los. Meine beiden zentralen Themen waren Intuition und Mut. Durch diese Beschäftigung kam ich immer mehr im Hier und Jetzt an.

Nachdem alle Steine gereinigt worden waren, platzierte Simon sie auf den Holzscheiten. Er sagte ein paar Worte zu der transformativen Kraft, die das Feuer innerhalb des Rituals einnimmt – als eines von vier Elementen. Wir machten noch eine kleine Begrüßungsrunde und begannen danach, an der Feuerstelle zu singen, zu trommeln und zu tanzen. Währenddessen entzündete Simon das Feuer.

Als nächstes musste die Cabana mit Decken versehen werden. (Hier könnt ihr sehen, wie eine solche Hütte im »Rohzustand« aussieht.) Wir warfen also dutzende bunte Decken über das Grundgerüst. Langsam wurde es ernst und ich realisierte, dass wir nachher alle zusammen in dieser winzigen Hütte sitzen würden.

Alle Teilnehmer hatten im Vorfeld die Anweisung bekommen, Blumen und/oder Kräuter von zuhause mitzubringen. Daraus setzen wir nun ein Herbal Bath an. In einen großen Bottich aus Wasser warfen wir nacheinander einzelne Blüten und sagten, wofür wir dankbar sind. Das war ein wahnsinnig schöner Moment für mich. Als alle ihre Blüten losgeworden waren, sangen und trommelten wir nochmal, um unsere Dankbarkeit auszudrücken.

Fast alles war nun vorbereitet und Simon bat uns, nochmal eine Weile für uns zu sein, zu laufen, zu meditieren … wonach auch immer uns war. Ich entfernte mich von der Gruppe Richtung Wald. Und dann merkte ich, wie Wut in mir aufstieg. An diesem tollen Tag, während dieses transformativen Rituals und mit liebevollen Menschen um mich herum wurde ich richtig wütend. Toll. Ich dachte nur: fuck it. Am liebsten hätte ich in den Wald hinein geschrien, wie sehr mich meine eigene Wut gerade ankotzt. Gleichzeitig erinnerte ich mich an meinen Vorsatz, alles so zu nehmen, wie es kommt. Wenn mein Geist entscheidet, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für Wut ist – na gut. Es gab keine Alternative. Ich konnte nicht aussteigen.

Wir kamen wieder zu einer Gruppenrunde zusammen, in der ich über meine Wut sprechen konnte. Ich fühlte mich ein wenig wie jemand, der auf einer Hochzeit Trauerflor trägt. Ich kämpfte wirklich mit mir.

Simon erklärte uns den weiteren Ablauf. Wir zogen uns aus, er setzte sich als erstes in die Cabana. Jeder Teilnehmer holte mit einer Mistgabel sechs heiße Steine einzeln aus dem Feuer, reichte sie Simon (der sie wiederum in das kleine Erdloch in der Hütte legte), verbeugte sich vor der Cabana und krabbelte hinein. Danach war der nächste an der Reihe, bis alle drin saßen. Ich war als vierte von insgesamt acht an der Reihe. Constantin saß direkt neben mir.

Tja … dann realisierte ich wieder etwas: In einer Schwitzhütte wird es wirklich sehr heiß.

Die letzte Teilnehmerin nahm Platz, Simon schloss die Cabana.

Weitere Erkenntnis: Wenn die Schwitzhütte geschlossen ist, ist es heiß und stockdunkel.

[Disclaimer: Für Menschen, die unter einer Panik- oder Angststörung leiden, sind die nächsten vier Abschnitte unter Umständen schwierig zu lesen.]

Die Hitze und die Dunkelheit sorgten für eine Orientierungslosigkeit, die ich in dieser Form noch nicht erlebt habe. Bei mir setzte sofort Panik ein. Ja, im Prinzip bekam ich eine Panikattacke. Ich kauerte nackt auf der Erde, die Cabana endete wenige Zentimeter über meinen Kopf, ich sah absolut nichts und es gab keinen (sichtbaren) Ausgang. Selbst Menschen ohne Klaustrophobie kommen da kurz ins Nachdenken.

Zuerst fing ich an zu heulen und dann schrie ich und dann tat ich beides. Die anderen um mich herum machten ähnliche Geräusche – dazu Tierlaute, Stöhnen, Gesang. Simon trommelte und goss immer wieder Wasser auf die Steine. Temperaturmäßig befanden wir uns sehr nahe an einer finnischen Sauna. In meinem Kopf nur ein einziges, großes »fuck this shit«. Die Wut wurde nicht weniger, sie wurde intensiver. Und da Wut ein Gefühl ist, das ich mir nur selten erlaube, war ich echt am Ende. Was man in der Psychotherapie innerhalb von zwei Jahren durchlebt, wird hier auf wenige Augenblicke komprimiert. In mir krochen vergangene Erlebnisse hoch. Ich sah jemanden, der seit zehn Jahren tot ist und das einzige, was ich ihm sagen konnte, war »fuck you« – und zwar minutenlang. Wie ein niemals enden wollendes Mantra, dessen Intensität sich über Jahre angestaut hat und mich kalt erwischte.

Die Panik ging nicht weg und als mein Herz am laufenden Band Extrasystolen produzierte, konnte ich nicht mehr abschätzen, ob ich zuverlässig bei Bewusstsein bleiben würde. Als Herzpatientin in einer stockdunklen Schwitzhütte (womöglich unbemerkt) ohnmächtig zu werden – dieses Risiko wollte ich nicht tragen. Ich krabbelte irgendwie über die anderen drüber, verließ die Cabana und landete draußen im Gras auf dem Bauch. An die ersten Momente habe ich keine Erinnerung mehr. Ich vermute, dass mein Kreislauf doch kurz weg war.

Irgendwann merkte ich, wie mir Speichel aus dem Mund lief und eine Ameise sich darin verfing. Okay, alles wieder gut. Ich konnte das Wort Ameise in meinem Kopf formen, was mich enorm beruhigte.

Da lag ich nun eine ganze Weile, weil jede Form der Bewegung völlig undenkbar schien. So langsam machten sich ein paar Endorphine auf den Weg an die Oberfläche und ich konnte mich mit den Ameisen um mich herum freuen. Die Geräusche der anderen in der Hütte nahm ich ebenfalls wieder wahr.

Ich stand auf, befreite mich einigermaßen von der nassen Erde und setzte mich ein Stückchen weiter weg auf mein Handtuch. Ich fühlte mich total entrückt von der Welt und der gesamten Situation. Ich war raus. Ohne Verbindung zu irgendwas. Constantin schien Lichtjahre entfernt, lediglich sein ekstatisches Stöhnen erinnerte mich an etwas, das ich kannte. Dann setzten massive Schuldgefühle ein. (Die Endorphin-Zeit mit den Ameisen war leider recht kurz.) Wut und Schuldgefühle – eine tolle Kombination für einen Tag im Wald. Ich wollte weg, wusste nicht wohin mit mir. Meine Gedanken mäanderten immer wieder um dieselben Punkte und ich fand keinen Ausweg. Auch mein Körper war wahnsinnig erschöpft. Das Fasten und der Flüssigkeitsverlust forderten langsam ihren Tribut.

Ich nahm nur nebenbei wahr, wie die anderen die Schwitzhütte verließen. Nachdem jeder wieder halbwegs bei sich war, reinigten wir uns gegenseitig mit dem zuvor angesetzten Herbal Bath. Dann gab es endlich eine Kleinigkeit zu essen, wobei ich selbst an einem Punkt war, an dem mir so schlecht war, dass ich kaum etwas zu mir nehmen konnte. In der Abschlussrunde sprachen wir über das Erlebte. Ich war sehr ehrlich, was meinen Zustand anging und sagte auch, dass ich gerne in positiverer Stimmung wäre. Aber die Dinge sind eben manchmal nicht so rosig, wie man sie gerne hätte.

Wir räumten auf und machten uns auf den Heimweg. In Pankow gingen Constantin und ich noch etwas essen. In unserem Domizil angekommen, war mir, als sei ich gerade aus dem Krieg heim gekehrt. Der Krieg mit sich selbst ist wahrscheinlich der härteste, den man führen kann. Das wurde mir in diesem Moment bewusst. Die simple Kombination aus Hitze und Dunkelheit reicht aus, um völlig durchzudrehen.

Wir gingen in die Badewanne. Constantin kümmerte sich um mich, wusch meine Haare, trocknete mich ab. Es ist wahrscheinlich seiner Intuition und seinem Gespür für mich zu verdanken, dass das meine Wut, die ihren Ursprung definitiv in meiner Kindheit hat, zu einem Abschluss bringen würde.

Nicht nur meine Freunde fragten mich danach, was ich aus alldem mitnehme; welche Erkenntnisse ich habe bzw. hatte. Auch ich frage mich das seit Tagen.

Die ehrliche Antwort: Ich weiß es nicht.

Es war eine hochgradig ambivalente Erfahrung. Das gesamte Ritual bescherte mir Momente tiefster Verbundenheit und heftigster Trennung. Es war weder gut noch schlecht. Ich kann es nicht in diese übliche Matrix einordnen. Ich würde gerne mit einer Katharsis aufwarten oder mit anderen spirituellen Buzzwords um mich werfen oder davon schwärmen, wie unglaublich friedlich ich danach war. Ich war nicht friedlich. Alles in mir war laut.

Ich kann nicht mal sagen, dass ich froh bin, das Ritual gemacht zu haben. (Auch das Gegenteil kann ich nicht sagen.) Würde man einem bestimmten esoterisch angehauchten Narrativ folgen, könnte man sagen, ich hätte mich nicht voll darauf eingelassen oder ich hätte länger in der Hütte bleiben müssen, um zu meiner Katharsis zu finden. Das ist eine Möglichkeit von vielen. Genauso gut könnte man sagen, dass ich meine persönlichen Grenzen gut kenne und rechtzeitig die Hütte verlassen habe. Oder dass ich bereits genügend Extremsituationen in meinem Leben durchgemacht habe und mein Schwerpunkt momentan auf absolut kompromissloser Lebensfreude liegt bzw. liegen darf. (Spoiler: Genau das war nämlich das Motto der darauffolgenden Tage ich Berlin.)

Am Ende bleiben es Interpretationen einer persönlichen Extremsituation. Die große Frage ist, ob ich das alles interpretieren muss oder ob ich es stehen lassen kann – als etwas, das eben so war, wie es war.

Einen deutlich transformativeren Prozess lösten die Tage danach aus. Meine Gedankendichte war ungewohnt hoch. Manches klärte sich, manches erschien mir noch verworrener als zuvor. Die Entscheidung, ob ich mein After-Berlin-Chaos (wie üblich) fein säuberlich in kleine Boxen verpacke oder ob ich dieses Durcheinander auch einfach mal so stehen lasse, habe ich noch nicht getroffen. Momentan tendiere ich zur zweiten Möglichkeit.

Intuition und Mut. Darum geht es wohl.

1 Kommentar

  1. Simon says:

    Hey,
    ich hab persönlich mit Schwitzhütten keine Erfahrung, aber hab mich dem Thema (über den Schamanismus) von verschiedenen Seiten angenähert. Lege ich zugrunde, was ich an theoretischem Wissen habe, war deine Reaktion und auch dein „Danach“-Zustand ziemlich das, was ich erwartet hätte. Am Ende verursachen Hitze und Dunkelheit und natürlich auch die Vorbereitung einem Trance-Zustand – und ich denke, das Ergebnis dieser Trance ist im Vorfeld nicht kalkulierbar. Aber das sind bloß meine Gedanken.

    Vielen Dank, dass Du uns an deiner Erfahrung hier teilhaben lässt.
    Grüße
    Simon

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