Was Poly für mich bedeutet

Mit meiner Anmeldung bei Tinder war mir schon im Vorfeld klar: Ich bewege mich aus meiner Bubble heraus und werde wahrscheinlich sehr oft Erklärbär sein (müssen). Ich sollte recht behalten. Was sich für mich völlig natürlich anfühlt, ist für andere Menschen ein unbekannter Kontinent.

Sobald ich durchblicken ließ, ich würde nicht monogam leben, war die erste Frage, ob ich eine offene Beziehung führe. Darauf eine prägnante Antwort zu finden ist – vorsichtig ausgedrückt – eine Herausforderung. Eine Followerin brachte mich auf die Idee, das doch hier im Blog aufzudröseln. Also gut …

Beziehungsstatus: Solo Poly

Ich bin froh, mittlerweile ein einigermaßen passendes Label für meine Art zu leben gefunden zu haben: Solo Poly. Sehr vereinfacht gesagt bedeutet das, dass ich keine Primärbeziehung habe. Oder besser gesagt: Meine Primärbeziehung ist die Beziehung zu mir selbst. Es gibt keine Nr. 1. Ich lebe mit niemandem zusammen, teile meine Finanzen mit niemandem, stelle niemanden meinen Eltern vor. Und es gibt niemanden, der ein Veto-Recht hat, der*die meine Verbindungen zu anderen Menschen »absegnet« und/oder mit dem*der ich meine Dating-Aktivitäten bespreche. Wichtige Lebensentscheidungen treffe ich alleine.

Gerade die letzten Punkte sind mir extrem wichtig, da ich mich auf der Skala Sicherheit vs. Freiheit sehr stark im Bereich Freiheit sehe. Umgekehrt haben meine Herzmenschen dieselben Freiheiten und können ihr (Liebes-)Leben so gestalten, wie sie möchten. Ich verlange beispielsweise nicht, über Dates oder neue Beziehungen informiert zu werden. Einzige Regel: Wenn ich explizit nachfrage, möchte ich eine ehrliche Antwort. (Das kommt jedoch recht selten vor.)

Böse Zungen würden das als »don’t ask don’t tell« bezeichnen – ein in Poly-Kreisen verächtetes Konzept. Ich sehe das eher so: Ich persönlich habe keinen Mehrwert, wenn mir jemand jede Einzelheit seiner vergangenen Dates erzählt. Jede Beziehung hat ihre eigene kleine Box, die mit Erinnerungen gefüllt wird. Ob ich Zugriff auf eine fremde Box habe oder nicht – diese Entscheidung liegt nicht bei mir, sondern bei denjenigen, denen diese Box gehört.

Das ist ein egalitärer Ansatz, der gut zu meiner Lebenssituation passt. Ich vertraue darauf, dass meine Partnerpersonen umsichtige Entscheidungen treffen, die mir und uns nicht schaden. Frei nach der Devise: Be excellent to each other. (Filmzitat aus »Bill & Ted«)

Solo vs. Single

Menschen ohne Berührungspunkte zu Polyamorie fragen sich womöglich, warum ich mich nicht als Single bezeichne. Schon seit längerer Zeit spüre ich starke Widerstände gegen dieses Label. Erst als ich den Beziehungsstatus »Solo Poly« entdeckte, wurde mir klar, warum das so ist.

Single ist ein Übergangszustand zwischen zwei Beziehungen. Sobald jemand eine Beziehung eingeht, ist er*sie nicht mehr Single. Gehe ich eine (zusätzliche) Beziehung ein, bleibe ich weiterhin Solo Poly.

Lange dachte ich, ich sei lediglich promiskuitiv und wäre in der Poly-Welt gar nicht »richtig«. Denn poly zu sein, hat immer etwas mit Liebe und Triaden und Polykülen und Netzwerken zu tun, oder?

Gefühle, Gefühle, Gefühle

Damit sind wir direkt beim ersten Punkt, was poly für mich bedeutet: Das klassische Konzept von heterosexueller, exklusiver, romantischer Liebe wird um viele weitere Teile ergänzt – und zwar nicht hierarchisch. Gerade in vergangenen Beziehungen fühlte ich mich in Bezug auf Liebe sehr oft falsch:

  • Meine Liebe fühlte sich nicht jeden Tag gleich an. Manchmal war sie für mehrere Tage oder Wochen verschwunden, ohne dass ich jedoch die Beziehung infrage gestellt hätte. Manchmal brannte sie mir so sehr unter den Nägeln, dass ich kaum Luft bekam.
  • In längeren Beziehungen bekam meine Liebe einen eher freundschaftlichen Touch.
  • Mich störte die Verknüpfung von Liebe und bestimmten Beziehungshandlungen. (Dogma: »Wenn man sich liebt, dann …« Dazu weiter unten mehr.)
  • Je nach Partner fühlte sich meine Liebe unterschiedlich an. Ich liebte jeden anders.
  • Ich empfand Liebe für sehr vieles … eine Gruppe von Freunden; wenn ich tanzte; wenn ich etwas tat, das mich voll und ganz erfüllte.
  • Wenn mich jemand liebte, hatte ich oft das Gefühl, er würde mich eher um jeden Preis brauchen, damit er sich nicht einsam fühlt.

Dies führte zu Problemen innerhalb der jeweiligen Partnerschaft. Polyamorie eröffnet mir an der Stelle Alternativen. Je mehr ich mich mit meinen Gefühlen in Bezug auf andere Menschen auseinandersetze und versuche, sie zu ordnen, umso eher lande ich bei einem Wort: Chaos. Jedoch kein destruktives Chaos, sondern ein produktives Chaos. Ein Chaos, das ich nicht bewerte, als solches annehme und in dem ich immer wieder neue Verknüpfungen und Erkenntnisse finde.

Dieser Zugang mag viele erschrecken und verängstigen – sehnen sich viele von uns gerade in Liebesdingen nach geordneten Bahnen und einem innerlichen »Ankommen«. Ich habe lange versucht, mein wildes Inneres zu bändigen und in genau diese geordneten Bahnen zu lenken. Ich bin jedes Mal gescheitert. Ein solcher Zugang zu Gefühlen entspricht wohl nicht meinem Wesen. Eine gute Freundin sagt mir oft, wie gut ich meine Gefühle im Griff hätte. Die Wahrheit ist: Ich habe sie nicht im Griff. Vielleicht wirke ich deshalb so ruhig, weil ich nicht mehr versuche, aus einer wilden Wiese einen Golfrasen zu machen.

Nur Sex?

Nun, das hört sich niedergeschrieben alles schön und gut an. Spätestens in der Kommunikation mit anderen Menschen wird das regelmäßig zur Herausforderung, sobald ich über meine Partnerpersonen spreche. Diesen Begriff habe ich übrigens nur gewählt, weil ich bis heute kein passendes Wort für die Verbindung gefunden habe, die ich mit anderen Menschen eingehe.

Wir sind also mittendrin in der Definitionsmisere.

Die erste Frage aus der Mono-Welt: Hast du nur Sex mit deinen Männern/Frauen oder sind da auch ernste Gefühle im Spiel?

Puh.

Im Ernst. Puh. Wo soll ich anfangen?

Beim abendländischen Dualismus? Bei der Trennung von Liebe und Sex? Bei der Trennung von Körper und Geist? Bei Schubladen? Bei der impliziten Herabsetzung von Sex, die in der Phrase »nur Sex« inkludiert ist? Bei der Hierarchisierung der Wege, jemandem seine Zuneigung zu zeigen?

Ich wünsche mir, ich könnte nur Sex und ernste Gefühle trennen. Die meiste Zeit sitze ich da und denke: Was war das denn jetzt? Wie nennt man das? Womit wir wieder bei meinem produktiven Chaos wären. Wenn es funktioniert und sich alle Beteiligten wohl fühlen, muss ich wissen, warum es funktioniert oder lebe ich einfach mit dieser Gefühls-Black-Box?

Sobald ich jemanden öfter sehe, kontinuierlich Kontakt habe, sind bei mir immer Gefühle im Spiel. Der Unterschied zu einer monogamen Herangehensweise:

Der Relationship Escalator

Als ich das erste Mal über den Begriff stolperte, konnte ich endlich fassen, warum ich mit Monogamie so große Schwierigkeiten habe.

Die Definition (Quelle):

The default set of societal expectations for intimate relationships. Partners follow a progressive set of steps, each with visible markers, toward a clear goal.

The goal at the top of the Escalator is to achieve a permanently monogamous (sexually and romantically exclusive between two people), cohabitating marriage — legally sanctioned if possible. In many cases, buying a house and having kids is also part of the goal. Partners are expected to remain together at the top of the Escalator until death.

The Escalator is the standard by which most people gauge whether a developing intimate relationship is significant, “serious,” good, healthy, committed or worth pursuing or continuing.

Wenn andere mich fragten, wo diese Beziehung hinführt oder ob es nicht mal Zeit für den nächsten Schritt sei, hatte ich immer das Gefühl, ein super wichtiges Memo verpasst zu haben. Zusammenziehen, Kinderwunsch, heiraten – all diese Themen sind und waren nie relevant für mich. Ich bekam jedoch das Gefühl vermittelt, sie hätten relevant zu sein – weil es sonst keine richtige Beziehung sei. Das ging sogar so weit, dass ich dachte, ich würde meine eigene Beziehungsunfähigkeit (oder eine andere Diagnose) verdrängen, weil ich … keine Ahnung … es nicht wahrhaben will. (Was »es« ist, habe ich nie herausgefunden.)

Dabei habe ich nur keine Lust auf den Relationship Escalator. Wenn ich etwas für jemanden empfinde, dann löst das in mir nicht den Wunsch aus, den Escalator zu betreten oder irgendeine andere Handlung auszuführen, die die Gesellschaft für dieses Gefühl vorgesehen hat. (Implikation: Führst du die Handlung nicht aus, ist das Gefühl nicht echt.)

Beispielsweise: Wenn ich etwas für jemanden empfinde, möchte ich nicht, dass er*sie nur noch Zeit mit mir verbringt. Natürlich freue ich mich, wenn wir Zeit miteinander verbringen und uns nahe sind. Jedoch – da landen wir wieder bei Solo Poly – habe ich nicht den Drang, meine Lebens- und Zeitplanung plötzlich völlig umzukrempeln.

Meine Energie, meine Liebe fließen in so viele unterschiedliche Lebensbereiche. Es entspricht nicht meinem Naturell, diese Energie auf eine einzige Person zu fokussieren oder in eine einzige Beziehung fließen zu lassen.

Für viele monogam veranlagte Menschen mag das chaotisch, verwirrend und egoistisch klingen. Der Punkt ist: Ich kann’s nicht ändern. Ich habe lange genug gebraucht, mein eigenes Wirrwarr zu verstehen. Oder besser gesagt: Ich bin noch mittendrin. Genau deshalb kann ich es niemandem übelnehmen, wenn er*sie mit meinem Lebensstil nichts anfangen kann. Ich werde nur dann wütend, wenn mir Instabilität, Beziehungsunfähigkeit oder Angst vor Intimität unterstellt werden. (Ich unterstelle Menschen in festen Beziehungen ja auch keine kranke Abhängigkeit voneinander oder Angst vor Einsamkeit.) Es ist alles eine Frage des Standpunktes und dessen, was wir als normal bzw. gesund bezeichnen.

Für mich fühlen sich »Solo Poly« und meine persönliche Freiheit am gesündesten an. Jetzt muss ich nur noch das Erklär-Problem bei Tinder lösen …

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