Metamorphosen V

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Mann. Das muss 2013 gewesen sein und wir lagen auf dem Bett in einem dieser unsäglichen Best Western Hotels. (Ich sage nur: Holzdecke!) Wir sprachen über Tabus. Ich sagte damals, ich könnte mir niemals vorstellen, jemand anderen zu dominieren. Er antwortete lediglich: „Schätzchen, glaub mir – das, was du heute komplett ausschließt, bringt dir in zehn Jahren den größten Kick!“ Es dauerte keine zehn Jahre, aber er sollte trotzdem Recht behalten.

So entwickelt sich manches, anderes rückt in den Hintergrund. Man bekommt mit den Jahren ein deutlich flexibleres Bild von sich bzw. der eigenen Sexualität. Grenzen lösen sich zunehmend auf, Versuche der Einordnung bleiben lediglich Versuche. Je mehr ich in der Szene unterwegs bin, umso häufiger muss ich erkennen: Die Grenzen zwischen Dominanz und Submission sind fließend. Man trifft nur sehr selten auf „reine“ Doms oder „reine“ Subs.

Submission ist für mich weiterhin auf einer abstrakten Ebene sehr interessant. Sprich: eher als philosophisches Konzept denn als Bezeichnung dafür, wie ich mein Sexleben gestalte. Ich schaue anderen gerne dabei zu und unterhalte mich gerne darüber. Die Motivation, mein devotes Selbst zur Disposition zu stellen (das heißt, mit jemandem zu spielen), ist dagegen sehr gering. Mich selbst in die Manege begeben, zum Objekt zu werden – so sehe ich mich selbst nicht mehr. Mit dem Sub-Sein ging immer eine gewisse Bestätigung einher. (Ich war natürlich eine gute Sub oder habt ihr etwas anderes gehört?) Diese Bestätigung entsteht für mich persönlich nun auf anderen Wegen.

In den Momenten, in denen sich ein anderer Mann in meine Obhut begeben hat, konnte ich fühlen, wie es ist, Subjekt zu sein. Mein Körper oder mein Verhalten standen plötzlich nicht mehr zur Diskussion. Das ist – gerade als Frau – etwas vollkommen Neues. Und es hatte für mich etwas sehr befreiendes, während ich gleichzeitig zutiefst befriedigt wurde.

Mit dem Objekt sein ging für mich einher, dass man während des Ankleidens und später während des Akts an sich die Perspektive des anderen einnahm. Für Subs kann das sogar Teil der Erregung sein, so objektifiziert zu werden. Es kann entspannend sein, weil man die Verantwortung abgibt. Es mag sogar dazu führen, dass man Dinge tut, gerade weil man Objekt ist. Für Frauen ist das ein möglicher Ausweg aus dem ewigen Dilemma zwischen Heiliger und Hure. Denn wenn man nur Hure ist, weil er das in diesem Moment will, ist man ja eigentlich keine Hure, nicht wahr? Man tut es schließlich ihm zuliebe, weil man seine Sub ist. Über die Anweisung, keinen Slip tragen zu dürfen, kann man sich innerlich freuen (weil geil) und sich nach außen hin darüber empören (weil tut man nicht). Dieses Wechselspiel ist sehr reizvoll und die beschriebene Dynamik ist meines Erachtens nach ein Schlüsselmoment für viele (weibliche) Subs.

Für mich persönlich (und ich spreche wirklich nur für mich) hat dieses Spiel seinen Reiz verloren, seit ich mich mit meiner inneren Hure ausgesöhnt habe. Sie gehört zu mir, ich genieße ihre Präsenz und ihre Wildheit. Sie kennt ihren Platz und weiß, in welchen Momenten sie lieber der Heiligen das Ruder überlässt. Die Hure zeigt sich einem Mann, wenn der richtige Zeitpunkt dafür ist und nicht, wenn er es vehement einfordert.

In Auseinandersetzung mit anderen habe ich öfter gehört, ich hätte bisher nur nicht den richtigen Dom kennengelernt, um meine Devotion (wieder) adäquat leben zu können. Nun, ich bin in den vergangenen Jahren einer recht große Bandbreite an dominanten Männern begegnet. Ich kann es zwar nicht mit absoluter Sicherheit sagen, aber mein Drang nach absoluter Freiheit ist momentan viel größer als der Drang, mich zu unterwerfen. Vollkommen egal, wer mir auf dem Parkett begegnet. Wenn ich die Männer in meinem Leben betrachte, sind das keine ultra-dominanten Typen. Ich verwende gerne den Begriff „wechselwarm“, weil sie beim Sex im Zusammenspiel mit mir Feuer entwickeln können, es aber genauso genießen, wenn ich aktiv bin.


Es gibt im ganzen Weltkreis nichts Beständiges. Alles ist im Fluss, und jedes Bild wird gestaltet, während es vorübergeht. Ja, auch die Zeiten gleiten in ständiger Bewegung dahin, nicht anders als ein Strom. Denn stillstehen kann weder der Fluss noch die flüchtige Stunde. Kein Ding behält seine eigene Erscheinung, und die ewig schöpferische Natur lässt eine neue Gestalt aus der anderen hervorgehen, und – glaubt mir –- in der ganzen Welt geht nichts zugrunde, sondern es wandelt sich und erneuert sein Gesicht. Und während vielleicht das eine hierhin, das andere dorthin übertragen wird, bleibt doch insgesamt alles bestehen.

Ovid, Metamorphosen (Buch der Verwandlung)


Da das gesamte Leben ein einziges Buch der Verwandlung ist, ist auch meine bisherige Metamorphose, die ich diesen Beiträgen grob umrissen habe, noch lange nicht zu Ende. Würde man mich um einen Blick in die Zukunft bitten, würde ich Ann vor mir sehen: eine liebevolle und doch pragmatische Frau, die das einfordert und lebt, was ihren Vorstellungen entspricht. Der es letztendlich egal ist, welchen Namen andere Menschen diesen Dingen geben.

Ja, ich glaube, so eine Zukunft könnte mir gefallen.

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1 Kommentar

  1. Wichtig ist doch, dass man seine derzeitige Persönlichkeit nicht mehr gegen die Person von vor 5, 10 oder 15 Jahren tauschen möchte und man sich wohl fühlt. Die Interessen verschieben sich noch bis ins hohe Alter und auch die Persönlichkeit ist nichts festes, sondern etwas wandelbareres.

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