Metamorphosen II

Die Monate danach waren von vielen Experimenten geprägt. Ich lernte einen Mann kennen (Justus), der sehr dominant war, von BDSM jedoch keine Ahnung hatte. Eine für mich toxische Kombination, weil ich noch nicht so gut vertraut mit mir selbst war, um meine Grenzen zu kennen und klar zu ziehen. Dass er diese Grenzen intuitiv erkennen konnte, dazu hatte er zu wenig Erfahrung. Nun kommt dazu, dass man als junge Frau Mitte 20 gerne gefallen und möglichst wenig anecken möchte. Schon gar nicht als devote Frau, die bitteschön das zu tun hat, was ihr aufgetragen wird. Ihr ahnt es: Das mit uns ging mächtig in die Hose.

Ich, eine Sub mit großer Klappe, die denkt, sie sei schon richtig weit und gleichzeitig meint, ein „nein“ würde ihr nicht zustehen. Er, ein Typ, der einfach mal macht und dann erst schaut, was das eigentlich auslöst.

Es war das erste und letzte Mal, dass ich wirklich geschlagen wurde. Im Sinne von körperlicher, nicht-konsensueller Gewalt. Daraus resultieren meine heute noch existenten Probleme mit Schlägen ins Gesicht.

Mir geht es an dieser Stelle gar nicht um eine Schulddiskussion, denn ich bin alles andere als unschuldig. Die Monate mit ihm waren schmerzhaft und gleichzeitig lehrreich. Weil ich ihn als Mensch faszinierend und anziehend finde (und es ihm mit mir genauso geht), haben wir seit einiger Zeit wieder lockeren Kontakt. Wir haben bestimmte Punkte aufgearbeitet und dieser Prozess war sehr wichtig für mich.

Wie das Leben so ist, legte es mir einen zweiten Mann von derselben Sorte in den Schoß: Daddy. Damit auch wirklich sichergestellt war, dass ich es kapiert habe.

Da das alles sehr verdichtet geschah, war ich nach diesen beiden Männern am Ende. Zusammen mit anderen Umwälzungen in meinem Privatleben, führte das zu einer langen BDSM-Pause. Ich schnitt das Thema regelrecht aus mir heraus, unter anderem, weil ich eine neue (Vanilla-) Beziehung einging.

Doch es arbeitete unbewusst in mir, was mir erst allmählich bewusst wird.

Ich könnte meiner persönlichen Entwicklung der letzten zwölf Monate einen eigenen Beitrag widmen. Nur so viel: Da ich mich endlich auf die Reise dorthin begeben habe, wo ich wirklich hin möchte, hat sich das Thema BDSM wieder neuen Platz verschafft.

Ich fand mich in einer Situation wieder, in der ich einem unbekannten Mann auf einer Parkbank gegenüber saß und diese dunkle, beinahe vollkommen verdrängte Essenz in meinen Kopf kroch. Monsieur raubte mir jegliche Illusionen zu meiner Unschuld und sagte nur lapidar: „Das sehe ich auf dreißig Meter Entfernung, dass du devot bist.“ Bald darauf saß ich in einem Hotelzimmer vor ihm, blickte in seine tiefen Augen und nahm Anweisungen zur Handhabung meines Analplugs entgegen.

Ich war wieder mittendrin in diesem absurden Spiel.

Doch es war anders. Es ist naiv anzunehmen, dass persönliche Entwicklungen das Spiel nicht beeinflussen würden.

Ich war zu hundert Prozent bei mir und dadurch entstand nicht derselbe Kick wie früher. BDSM lebt von der Einhaltung von Grenzen. Es lebt aber genauso von der Überschreitung von Grenzen. Da der Schwerpunkt meiner bisherigen Erfahrungen auf zweiterem lag, legten Monsieur und ich den Fokus bewusst auf ersteres. Dazu kam, dass er sehr achtsam war, in dem, was er tat. Er schaute in mich hinein – vielleicht etwas zu sehr.

(Fortsetzung folgt)

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5 Kommentare

  1. transomat says:

    Deine Geschichte, die Du so bemerkenswert reflektierst, ist faszinierend.

  2. Irgendwann kommt man immer wieder darauf zurück, was einem schon mal Lust bereitet hat.

  3. Mastergunter says:

    ….es bricht immer wieder auf. Einmal im Rech von BDSM gefangen, wirst du nie wieder davon loskommen. …aber es bedarf eines ständigen Lernprozesses. Gegenseitiges Vertrauen und Sprache des anderen zu lesen, sowohl sdie körperliche als auch die seelische, bilden das Fundament. Der Hausbau ist so verschieden, wie es auch die Menschen sind.

    1. Ich habe nicht das Gefühl, im Reich des BDSM „gefangen“ zu sein. Und ich habe viele Jahre komplett ohne gelebt. Diese Phasen wird es immer geben.

      1. Mastergunter says:

        richtig Marie! Mit gefangen sein meine ich, es ruht in dir, auch wenn du lange ohne leben kannst und glücklich bist. Dann aber taucht es wieder auf. Acu kenne die Vanille-Zeiten über Jahre hinweg.

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