»Eine lustvolle Entwicklung zum Vertrauen hin« – Interview mit einem Cuckold

Wenn du jemand völlig Unbeteiligtem Cuckolding in wenigen Worten beschreiben müsstest, was würdest du antworten?

Für den Cuckold ist es eine Art liebende Hingabe an seine Frau. Es genießt und leidet zugleich seine Frau in den Armen eines anderen Mannes zu sehen. Aber es ist sein Erklärtes Ziel dass seine Frau auf nichts verzichtet.
Die Frau geniesst alle Freiheiten bei der Ausübung ihrer Sexualität. Ihr Cuckold unterstützt sie dabei liebevoll dienend und ohne Anspruch auf sexuelle Erfüllung.

Kannst du dich an den Moment erinnern, als du zum ersten Mal Cuckolding-Gedanken hattest? Wie war das und wie bist du damit umgegangen?

Ich hatte den Gedanken nicht von alleine. Ich war vor 12 Jahren noch dominanter Wifesharer. Ich hatte meine Partnerin an einen anderen Mann verliehen und war in der dominanten Rolle präsent. Der andere Dom fand das aber nicht so prickelnd und schlug vor mich an einen Stuhl zu fesseln. Meine Partnerin sollte sich dann vor mich stellen und zu mir beugen. Er würde sie dann von hinten nehmen, während ich ihrem Gesicht ganz nah wäre. Damals konnte ich damit nichts anfangen, wollte alles unter Kontrolle haben.

Aber die Fantasie begann langsam in mir zu keimen. Er hatte den Samen gesät. Vier Jahre später war ich mit einer dominanten Frau zusammen die mich unbedingt im Alltäglichen kontrollieren wollte. Das geschah unbewusst von Ihrer Seite aus. Sie hatte dabei auch keine sexuelle Intention, aber das weckte in mir den Wunsch mich ihr sexuell unterzuordnen und ich öffnete mich, vertraute mich ihr an.

Wie war deine weitere Entwicklung? Wie gestaltete sich der Prozess, deine Vorlieben an deine Partnerin/Partnerinnen zu kommunizieren? (Falls sie nicht den Anstoß gab.)

Im Alltag wollte ich mich eigentlich gar nicht unterordnen. F. [ehemalige Partnerin] und ich hatten schwierige und heftige Auseinandersetzungen. Aber ich liebte sie sehr und wollte durch meine Unterordnung Frieden in die Beziehung bringen. Ich war schon immer ein sehr offener Mann und habe immer kommuniziert, was ich für Wünsche und Fantasien in der Sexualität habe. Scham oder Konventionen kenne ich zwar, allerdings sind das keine Hindernisse in einer vertrauensvollen Beziehung. Ich sagte ihr, dass es mich erregt wenn sie mich sexuell dominiert und machte ihr ein Geschenk: Ich bot ihr an, sie könnte für sechs Wochen vollständig über mich verfügen. Im Alltag und in der Sexualität würde sie allein bestimmen dürfen. Ich schlug vor, dass sie Alltagsvergehen mit sexuellen Restriktionen (z. B. Keuschhaltung, Züchtigungen) bestrafen könne. Sie nahm das Geschenk dankend an und wir hatten sehr besondere und glückliche 6 Wochen.

Ich lernte mich unterzuordnen und ihr Wohlergehen über meines zu stellen, zumindest für diese sechs Wochen. Sie lernte mich zu dominieren, ohne dass sie laut oder übergriffig werden musste. Ich denke sie war aus Angst dominant bzw. vor unserem Spiel brauchte sie dafür Lautstärke und Wut. Jetzt hatte sie die Erlaubnis und agierte nicht mehr aus Angst und Schutzbedürfnis sondern aus dem Zustand der (überlassenen) Kontrolle. Sie lernte ihre Dominanz verantwortungsvoll einzusetzen. Ich berichtete ihr von meiner Lust daran sie mit anderen Männern zu wissen und bot ihr an, dass sie sich mit anderen Männern treffen darf. So könnte sie sexuelle Unabhängigkeit erlangen wenn ich z. B. zu meiner Disziplinierung keusch gehalten werde. Sie selbst war sehr eifersüchtig und war verwundert über mein Angebot, willigte aber ein.

Was hast du über dich gelernt, seit du deinen Wunsch nach Cuckolding auslebst?

Ich lernte durch F., dass sexuelles Begehren und der Akt um so süßer schmeckte wenn die Erfüllung verweigert wurde. Ich lernte F. zu penetrieren ohne selbst zu kommen. Ich lernte mich einer Frau unterzuordnen und erkannte die Befreiung die damit verbunden war. Die Befreiung von dem was von einem Mann gemeinhin erwartet wird: Dominanz, Führung, Versorgung und dieses »immer so tun als wäre man Herr der Lage«. Und ich spürte die Ermüdung die all die Jahre Mannsein in mir verursachten.

In der Zeit mit Nele [aktuelle Partnerin] wurde es für mich ein wichtiger Punkt zu lernen, unserer Liebe zu vertrauen, auch wenn sie mit einem Anderen zusammen ist und ich zu Hause sitze. In mich zu fühlen und das Gefühl zu finden und die Gewissheit, dass sie mich liebt und diese Liebe nicht vergeht, nur weil sie mit einem anderen intim ist. Und umgekehrt ist es für Nele ebenso ein Beweis meiner Liebe wenn ich Nele diese Freiheit geben kann, ohne dass unsere Liebe in Frage gestellt wird.

Und nicht zu vergessen die Erkenntnis, dass Eifersucht nichts, aber auch gar nichts mit Liebe zu tun hat, sondern allein mit der Angst den anderen zu verlieren. Von daher ist Cuckolding für Beide eine lustvolle Entwicklung zum Vertrauen hin.

Welche Rolle spielen Demütigung und BDSM in deiner Cuckold-Beziehung?

In der Beziehung mit F. spielte Demütigung eine große Rolle. Sie konnte mich mitten in einem Disput unvermittelt anherrschen: »Auf die Knie!« Eine Demütigung, aber ich wurde still und gehorchte. Überhaupt wurde es still im Raum und die Liebe kroch vorsichtig wieder hervor. Oder ich musste vor ihren Augen meinen Schwanz harthalten, während sie in einem Buch las. Auch körperliche Züchtigung war für uns wichtiger Bestandteil. Alles war jedoch mit unserer Liebe verbunden. Schläge, Demütigungen wurden von beiden als Zeichen der Liebe gelesen.
In meiner jetzigen Beziehung mit Nele spielt z. B. die Demütigung, sie zu ihrem Date mit ihrem Liebhaber oder Bull zu chauffieren und sie wieder abzuholen oder beim Liebesakt als Zuschauer und Diener zugegen zu sein, eine große Rolle. Aber hier hat das Ganze eher einen Spielcharakter, ist freier, leichter und heiterer. Die Liebe ist immer präsent und es ist ein Zeichen der Liebe wenn ich den Beiden Getränke ans Bett bringe. BDSM-Spielarten wie körperliche Züchtigung, Keuschhaltung sind bei Nele und mir zwar Bestandteil, haben aber nicht die Dringlichkeit, die sie bei F. und mir hatten.

Welche Momente erregen dich am meisten? Womit haderst du am häufigsten?

Einer der erregendsten Momente war, als E. Nele vor sich auf die Knie zwang und sie ihn oral befriedigen musste, während er mich über Alltagsdinge ausfragte. [E. ist einer von Neles Liebhabern.] Ich hatte einen KG (Peniskäfig) an und saß nackt auf der Kofferablage des Hotelzimmers und schaute den beiden zu. Er saß auf dem Bettrand und Neles Kopf ging auf und ab. Als er kam, hielt Nele hielt kurz inne um zu schlucken und er schaute mir genau in die Augen bis sein Blick im Orgasmus flackerte. Während Nele ihn sauber leckte, beantwortete ich weiter seine Fragen. Nele hatte mich seit einer Woche keusch gehalten und ich tropfte vor Verlangen.

Erregend sind vor allem auch die Momente, in denen ich Neles Lust spüre. Als wir uns mit E. in der Hotellobby trafen und Nele ohne Höschen neben mir saß war sie sehr nass, wie schon den ganzen Nachmittag, da sie wusste sie würde E. gehorchen müssen. E. kam an unseren Tisch und nach einigen Sätzen schickte mich E. weg. Ich solle mal auf Klo gehen, meinte er. Als ich zurückkam, zeigte er mir wortlos zwei nasse Finger, hielt sie mir vor die Nase. Wir saßen zwar abseits, aber der Barkeeper hatte Nele und mich zusammen als Paar kommen sehen und wahrscheinlich auch gesehen wie H. Nele zwischen die Beine fasste während ich auf der Toilette war.
Es ist wohl am ehesten die (öffentliche) Demütigung, die mich erregt – aber auch die Demütigung durch Neles Liebhaber.
Hadern ist vielleicht nicht das Wort das für meine Schwierigkeiten passt. Ich liebe es Cuckold zu sein. Aber ab und zu habe ich Eifersuchtsanfälle. Z. B. wenn Nele mit H. einen Ausflug in den Hamburger Hafen macht, mit ihr essen geht, ohne dass die beiden Sex haben. Das kann schon mal schwierig werden. Nicht immer, aber je nach meiner Tagesform. Dann hilft nur miteinander zu sprechen und zurückzufinden ins Vertrauen.

Habt ihr bestimmte Regeln für euer Sexleben mit anderen vereinbart?

Jeder hat das Recht, nein zu sagen. Wenn es für mich oder auch für sie heikel wird, gibt es die Notbremse. Wird nichts anderes vereinbart, verkehrt sie nur mit Kondom. H., R., S. [Neles Liebhaber] sind allerdings schon getestet und als vertrauenswürdig eingestuft.
Nele hat das Recht, über meine Sexualität zu bestimmen. Sie kann bestimmen ob, wie und wann ich komme. Sie nimmt das von Zeit zu Zeit auch in Anspruch.
Nele hat alle Freiheiten, wann sie mit wem und auf welche Weise Verkehr hat. Allerdings sind Heimlichkeiten nicht erlaubt. Sie könnte spontan und ohne Rücksprache mit mir, mit einem anderen Mann verkehren, müsste mir aber irgendwann davon berichten.
Ich habe nicht das Recht, mit anderen Frauen sexuell in Kontakt zu treten.
Nele hat das Recht, mich bei Fehlverhalten zu bestrafen.

Wenn du interessierten Paaren einen Rat geben könntest – welcher wäre das?

Kommunikation ist das Zauberwort. Wer immer den Anstoß zum Cuckolding gibt: Sei ehrlich, liebevoll und schäme dich nicht für deinen Wunsch. Rufe dir ins Bewusstsein: Dein Gegenüber ist dein Lebens-Ehe-Partner und es ist der Kern eurer Beziehung ehrlich miteinander zu sein. Wenn dein Begehren nicht erwidert wird, dann sucht gemeinsam nach einer Lösung. Nicht alles kann in Erfüllung gehen. Das ist normal. Doch seid ihr beide interessiert, dann findet heraus, wer was wie möchte, welche Fantasien und Ängste gibt es. Fordert Vertrauen und vertraut dem anderen. Ohne den erklärten Willen, sich als Paar in das Abenteuer Cuckolding zu begeben und die eventuellen Schwierigkeiten gemeinsam zu besprechen, geht das nicht. Er wird Schwierigkeiten geben, glaubt mir. Das ist normal, ist interessant, das ist Leben. Lernt Schwierigkeiten gemeinsam anzugehen und euch als Paar daran zu entwickeln. Lasst euch nicht von Ängsten leiten, sondern von Vertrauen, dann wachst ihr als Paar. Solange ihr im liebevollen Austausch seid, kann euch Cuckolding nicht entfremden, sondern es bringt euch zusammen. Auch schwierige Beziehungen können daran wachsen, jedoch nicht wenn die Liebe fehlt. Denn Cuckolding prüft immer wieder euer Vertrauen in die Liebe.

Noch eine persönliche Frage, die mit einem Augenzwinkern zu lesen ist: Ich selbst finde Cuckolding bzw. Wifesharing sehr spannend und denke oft darüber nach, ob man interessierte Männer irgendwie »erkennen« kann. Was sagst du dazu? Gibt es Verhaltensweisen oder Charaktereigenschaften, die einem wissenden Kreis verraten, dass ein Mann auf Cuckolding/Wifesharing steht?

Ich habe lange nachgedacht ob es da etwas gibt. Ich denke es gibt zunächst nicht den Mann, der auf Cuckolding steht. Da gibt es den, der sich vor allem in Fantasien hingibt, aber aus Angst nicht mit seiner Partnerin darüber spricht. Die lassen wir mal außen vor, das wird nix. Wenn der Mut zum Sprechen fehlt, dem fehlt die Grundvoraussetzung für Cuckolding.
Dann gibt es noch die, die sich vor allem über Praktiken definieren, die sich irgendeine Frau wünschen, die mit ihnen die imaginierten Szenen durchspielt. Ich kann hier nur vermuten, dass hier das Element der Liebe und der Verlustangst fehlt und daher von einer Cuckold-Beziehung keine Rede sein kann.

Aber wenn ich mir dich vorstelle, wie du auf einer Party bist und versuchst Männer zu finden, die sich nicht nur für Cuckolding interessieren, sondern die auch in der Lage sind, das zu leben, dann denke ich mir, dass du nach Männern Ausschau halten solltest, die sicher auftreten und zugleich auch in der Lage sind Fehler zuzugeben. Schau nach Männern, die über sich Bescheid wissen und auch über sich sprechen können. Cuckolds sind nach meiner Auffassung keine Kriecher, oder vielleicht sind sie das, aber dann nur im Spiel. Cuckold sein hat natürlich etwas dienendes, der Mann muss dienen wollen. Aber es gibt auch etwas ritterliches am Cuckoldsein: Der Mann will seiner Lady jeden Wunsch erfüllen, dafür muss man kein Wurm sein. Zudem denke ich aus eigener Erfahrung, dass in den meisten Doms auch ein Sub steckt.
Es sind vermutlich am ehesten Männer die etwas zu sagen haben, aber auch genauso gut zuhören können.


An dieser Stelle nochmals vielen herzlichen Dank für deine Offenheit und die Einblicke, die du meinen Leser*innen und mir gewährst! Deine Antworten drücken so viel aus. Ich war beim Lesen sehr berührt.

Michaels Twitter-Profil: @carezza_hh

Twitter-Profil eines erfahrenen Cuckold-Coachs, mit dem ich selbst schon einen tollen Austausch hatte: @cuckold-coach


Titelbild: »The Tourist Trap« von Jack Vettriano

1 Kommentar

  1. Christian_who says:

    Danke Marie, für dieses wunderbare Interview.
    Du gehst sehr gerade und auch mitfühlend in dieses Gespräch.
    Ich erinnere mich sehr gerne an unser Gespräch zu dem Thema.
    Damals hast Du meiner Frau und mir sehr mit Deinem Fachwissen geholfen.
    Ich liebe es von Dir zu lesen.

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