Gestapelte Steine

Ein Versuch, über das zu schreiben, was mich beschäftigt

Mich hat der Vorfall mit Schlumpfinchen in eine mittelschwere Sinnkrise versetzt. Ich habe mehrere Tage lang teilweise bis spät in die Nacht darüber gegrübelt, ob mein Verhalten richtig war.

Wenn ich ihr Verhalten rekonstruieren müsste, würde ich folgendes schreiben: Man sieht diese (sexpositive) Twitter-Bubble, in der ein reges und vertrautes Miteinander herrscht. Ich habe da keine Illusionen: Für Außenstehende ist es oft extrem schwer, Anschluss zu finden. Das Misstrauen gegenüber Neuen ist groß. Ein falscher Tweet (gerade von Männern) und es kann passieren, dass man niedergemacht wird und für immer verbrannt ist. Ich habe ebenfalls keine Illusionen in Bezug auf das Mittel, mit dem sich schnell Aufmerksamkeit und Vertrauen generieren lässt: erotische Frauenmotive. Mein Account hätte niemals die Größe, die er heute hat, wenn ich nicht in den ersten Jahren explizite Bilder getwittert hätte.

Erlebt man nun im echten Leben nicht die Form von Verbindung, die man sich wünscht, und merkt, wie einfach es ist, das online zu imitieren, landet man unter Umständen schnell bei unlauteren Mitteln. Vulgo: geklauten Bildern. Die Interaktionsrate ist hoch. Man sorgt für positive Stimmung. Alles ist (scheinbar) gut. Es ist ein kleiner Kniff, ein kleines Hilfsmittel – mehr nicht. Ich bezweifle nicht, dass hinter Schlumpfinchens Account ein netter Mensch steckt.

Und genau da beginnen meine eigenen Zweifel. Die meisten Rückmeldungen zu meiner Entdeckung lauteten sinngemäß: Ich kann das kaum glauben. Sie war immer so nett.

Ja, das war sie. Ich spürte förmlich, wie sich die Bubble weigerte, in Betracht zu ziehen, dass dieser Mensch fremde Bilder für seine eigenen ausgegeben hat. Viele erstellen selbst Content in Form von erotischen Motiven und ich erinnere mich an vergangene Empörungswellen, wenn dieser Content geklaut wurde. Da kam meiner Erinnerung nach nie der Einwand, die Person, die von anderen klaut, sei aber immer so nett. Selbst meine eigenen Bilder habe ich schon auf diversen Accounts entdeckt, ohne mich öffentlich darüber zu äußern. Ich stellte mir immer die Frage, ob ein Schaden für mich entsteht, wenn ich beklaut werde. (Sofern die Bilder nicht verkauft werden, erlebe ich das nicht als schädigend. Außer vielleicht für mein Ego.) Meine Bilder sind ein immaterielles Gut. Sobald sie gepostet sind, habe ich realistisch gesehen keinerlei Kontrolle mehr über deren Verbreitung. Dessen bin ich mir zu einhundert Prozent bewusst.

Das macht den Vorgang jedoch nicht richtiger. Denn nur weil etwas in der Praxis häufig geschieht und kaum geahndet wird, wird es nicht automatisch zu einer Lappalie.

Die Alternative wäre gewesen, den Vorgang zu den Akten zu legen und es nicht öffentlich zu machen.

[Hier ein kleiner Einschub: Es gibt einige dieser Akten – Fake-Accounts, über die ich nicht twittere. Es mag für Außenstehende abwegig erscheinen, aber in meinem Kopf fängt es sofort an zu kribbeln, wenn ich auf einen Account stoße, der sich nach Fake anfühlt. Meistens schaffe ich es, dem Drang nicht nachzugehen und nicht tiefer zu recherchieren. Manchmal jedoch forsche ich so lange, bis ich etwas finde. Das ist ein sehr verrückter Wesenszug. Während sich andere Menschen Gesichter nicht mal drei Sekunden merken können, erkenne ich Menschen auf der Straße wieder, mit denen ich in der Grundschule war und die ich das erste Mal seitdem wiedersehe. Lustigerweise macht mir die Maskenpflicht das Einkaufen etwas leichter, weil mein Kopf durch die bedeckten Gesichter nicht permanent mit unbewussten Scan-Vorgängen beschäftigt ist. Aber gut, wir steigen hier lieber nicht tiefer ein.]

Ich denke, dass ich es nicht lange ertragen hätte, den Vorgang nicht zu veröffentlichen. Die Idealistin in mir hätte irgendwann gewonnen. Doch trotz der Veröffentlichung habe ich permanent das Gefühl, nicht mehr zu wissen, was richtig und falsch ist.

Wie viel von meinem eigenen Verhalten trägt dazu bei, dass die Bubble so ist, wie sie ist; dass die Mechanismen dort sind, wie sie sind; dass Menschen das Gefühl haben, Bilder klauen zu müssen? Würde es helfen, authentischer zu sein? Oder aufgeschlossener?

Authentizität ist ein Modebegriff, mit dem ich mich unglaublich schwertue. Bodypositivity, man selbst sein, Bilder mit Cellulite posten – damit konnte ich mich nie anfreunden. Im Gegenteil. Ich erlebe das eher als neuen Zwang und nicht als Befreiung. Es hat in den meisten Fällen eine sehr wertvolle Intention, aber findet letztendlich auch nur in einem System statt, in dem Klicks die bevorzugte Form von Aufmerksamkeit ist. Dazu kommt, dass ich keinen Sinn darin erkenne, »authentische« Bilder als solche zu kennzeichnen oder mit entsprechenden Hashtags zu versehen. Alles, was gesondert gekennzeichnet wird, ist nicht Teil der Norm. Es ist gesondertes Material. Warum erscheinen Männer in Seilen mit dem Hashtag #MenInRopes? Warum kennzeichnen Fotografen dickere Frauen mit dem Hashtag #PlusSize, dünne Frauen dagegen bleiben ohne speziellen Hashtag?

Warum gibt es keine Hashtags wie #WomenInRopes oder #MinusSize?

Man kann das auch diametral anders sehen und damit argumentieren, dass Hashtags für Sichtbarkeit sorgen. Ich kann diese Argumentation in Teilen nachvollziehen. In Bezug auf meine eigenen Bilder: Sollte man auf einem davon Dehnungsstreifen, Speckröllchen, Hängebrüste oder ein anderes Attribut sehen, das mich in den Augen anderer »authentisch« werden lässt, dann habe ich kein Bedürfnis danach, das in Form eines Hashtags zu kennzeichnen. Es wäre dann ein Bild wie jedes andere auch. Es würde in meinem Feed auftauchen mit einem ähnlichen Kommentar wie alle anderen Bilder.

Gleichzeitig ist mein Alter Ego Marie Moreau eben genau das: mein Alter Ego. Wenn mein Alter Ego seine Beziehungs-, Job- und Familienprobleme nicht aufdröselt, heißt das nicht, dass ich keine habe. Es heißt nur, dass ich Twitter nicht für einen geeigneten Ort halte. Das war übrigens ein langer Prozess und paradoxerweise empfinde ich mein Schweigen als deutlich authentischer als eine öffentliche Abhandlung. Denn ich schulde vor allem den Menschen, mit denen ich eine Beziehung bzw. einen Konflikt habe, meine Authentizität. Und die entsteht durch Wahrheit. Wenn ein essenzieller Beziehungsvorgang bei Social Media landet (womöglich noch ohne Wissen der betreffenden Person), bin ich dieser Person gegenüber nicht mehr wahrhaftig. Das wirkt sich meiner Erfahrung nach automatisch auf unseren Konflikt aus.

Wer daraus liest, dass ich Social Media verteufle, dem muss ich leider sagen, dass meine Einstellung nicht ganz so unterkomplex ist. (Und ich außerdem kein Fan von Kulturpessimismus bin.) Ohne Twitter wäre ich in vielen Teilen meines Lebens nicht in dem Maße geoutet, wie ich es heute bin. Ich war in meiner Timeline immer wieder mit Lebenseinstellungen konfrontiert, bei denen ich dachte: Wow, das hätte ich auch gerne. Oder: So ehrlich und frei würde ich auch gerne leben.

Aber: Auf Social Media ehrlich und frei zu leben, ist kein Ersatz dafür, es im echten Leben zu tun. Bei Freunden, Familie, im Job, in der Beziehung. Dieser Prozess ist für mich wahrscheinlich niemals abgeschlossen. Es gibt viele Themen, bei denen ich noch nicht bereit bin, meine eigene Wahrheit zu leben und mich zu outen.

An dem Punkt lande ich wieder bei Schlumpfinchen, der es wahrscheinlich genauso geht bzw. ging. Manche Wahrheiten brauchen Zeit. Ich hoffe, dass sie sich irgendwann erlaubt, sich diese Zeit zu nehmen.

1 Kommentar

  1. says:

    Das sind viele Themen bei denen ich Dir in weiten Teilen zustimme. Ich geb mal noch ein paar ungeordnete Gedanken dazu:
    Das was du im Abschnitt über die Hashtags mit diesem Extra Fokus auf vermeintliche Schwächen angesprochen finde ich (auch) sehr problematisch und will noch diesen Gedanken einbringen: Wenn jemand, der nunmal einfach schlank ist, sein bisschen Bauch zusammendrückt und mit „schaut mal ich hab auch Problemzonen“ in die Kamera hält – wie muss sich das für jemand Übergewichtigen anfühlen? Das macht es doch für Menschen, die tatsächlich nicht der Norm entsprechen noch schwieriger. Statt zu zeigen: wir sind alle gleich, zeigt man damit: wir spielen in anderen Ligen. Das ist kontraproduktiv.

    Ich seh das so: ich hab mit meinem Körper Glück und ich stecke sehr viel Arbeit rein. Ein anderer hat vielleicht andere Pfunde mit denen er wuchern kann. Beispiel: Wenn ich einen Blog mit Spartipps und Finanzanlagen machen wollte, müsste ich auch klauen oder würde einfach untergehen. Da nützt es mir nichts, wenn mir jemand anderes zeigt, dass er auch nicht perfekt ist und seine Aktien grade 0.1 Prozent an Wert verloren haben. Deshalb bin ich trotzdem einfach kein Finanzexperte, so wie jemand anderes vielleicht einfach keinen Normkörper hat.
    Abgesehen davon: Geschmäcker sind verschieden. Man muss eben seine Nische finden.

    Und noch ein Gedanke: Man sieht immer nur die Profile bei denen es klappt. Es gibt auch zahlreiche schlanke und zeigefreudige Frauen, die dennoch wenig Follower haben. Es gehört schon mehr dazu als nur nackte Haut, schätze ich.

    Es ist mir klar, dass was Reichweite angeht zeigefreudige, straffe Frauen auf Twitter einen Vorteil haben. Aber was nützt das denn? Mit geklauten Bildern gibt das nicht mal einen Ego-Push. Ich kann verstehen warum man Bilder klaut, aber ob einen das glücklich macht, bezweifle ich.

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