Du bist frei

Wenn du mich fragst, was mein Antrieb ist, dann antworte ich: Ich wollte schon immer wissen, wie sich bestimmte Dinge anfühlen. Während andere wissen wollten, wie sich Ecstasy in ihren Adern anfühlt, so wollte ich wissen, wie sich Lustschmerz anfühlt.

Mich im Rahmen einer Session mit meinen eigenen Gefühlen zu konfrontieren, verleiht mir eine Freiheit, die ich bisher nirgendwo anders erfahren konnte. Mich meiner selbst ermächtigen – darum geht es mir bei all meinen Ausflügen in die perversen Welten am Rande der Gesellschaft.

Ich möchte Dinge erfahren und erleben, die den meisten anderen verborgen bleiben. Je obszöner die Szenerie, umso größer die Anziehungskraft auf mich. Dabei entferne ich mich zunehmend von dem sexuellen Akt an sich. Dem dominanten Anteil in mir geht es beispielsweise überhaupt nicht um das penetriert werden. Ich spüre viel lieber, wie sich meine Adern mit Macht füllen und meine Hände auf fremden Ärschen landen.

Wenn ich gefickt werde oder wenn ich komme, brennen meine Schutzwälle nieder. Das ist radikal. Und radikale Taten sind ebenso radikalen Menschen vorbehalten. Solche Geschöpfe trifft man leider nur sehr selten. Das ist der Grund, warum ich gerne die Position der Dritten einnehme. Viele haben Angst davor, „nur“ die Dritte zu sein. Dabei geht mit dieser Stellung eine unglaubliche Freiheit einher:

Kürzlich stand ich in einem Swingerclub und beobachtete eine Frau, die mit drei Männern fickte. Mein Begleiter fragte mich, ob ich nicht mitmachen wolle. Nein. Ich war lieber diejenige, die den Blick der anderen Frau suchte. Das befriedigte mich. Die Männer mühten sich ab, weil sie mich entdeckt hatten und eine gute Performance abliefern wollten. Ich war wie die Linse eines Mikroskops und ich wollte jedes Detail sehen. Die Frau schien sich unwohl zu fühlen. Sie hatte sich mehr erhofft. Das ist die ewige Krux: Sobald ein Schwanz in dir steckt, verflüchtigen sich viele Hoffnungen. Ihre Emotionen wahrzunehmen, nicht wegzuschauen, sie regelrecht zu fixieren – das ist mein persönlicher Sadismus.

Oder einem Mann Frauenkleider anzuziehen und ihn „Schlampe“ zu nennen. Wundervoll. Die Vielfalt der möglichen Spiele ist so groß, weil Scham für den Menschen einer der intensivsten Zustände ist, den er zu fühlen vermag. Ähnlich verhält es sich mit der Eifersucht. Kombiniert man beides, erhält man ein buntes Potpourri an Qualen.

feel it. the thing that you don’t want to feel. feel it. and be free.

— Nayyirah Waheed

BDSM hat manchmal sehr wenig mit Sex zu tun. Es ist wie eine Schocktherapie. Man konfrontiert jemanden mit dem absolut Undenkbaren – seien es Schmerzen, Worte oder andere Formen der Erniedrigung. Und am Ende steht das erlösende und geradezu reinigende Moment: „Siehst du. Du hast es überlebt.“

So wie du vieles überleben kannst in diesem Leben.

Und selbst wenn du deine(n) Dom anschreist und laut Nein rufst, dann weißt du: Du kannst es. Du kannst deine Grenzen verteidigen. Das macht frei, selbst wenn das Außenstehende niemals verstehen werden.

Vielleicht fühlen sich gerade deshalb die Grenzgänger zu diesen Schattenwelten hingezogen. Weil sie dort Lektionen lernen können, die ihnen helfen, mit dem restlichen Leben klarzukommen.

Wenn man sich darauf einlässt, ermächtigt dich BDSM, dich dir selbst zu nähern. Hinter einer Session, die auf Außenstehende bizarr und schmerzhaft wirkt, steckt nicht selten ein innerer Transformationsprozess, dessen Ausmaße monumental sein können.

Wenn du deine persönlichen Abgründe kennst, mit der Taschenlampe wagemutig auf sie zuläufst, dann werden sie irgendwann weniger angsteinflößend. Wir tendieren dazu, uns nur mit den hellen Seiten unserer Persönlichkeit auseinanderzusetzen. Dabei ist doch gerade die Dunkelheit das, was uns ausmacht und uns komplementiert.

Während diese Welt für andere lediglich eine Möglichkeit zur Überbrückung zweier Lebensabschnitte darstellt, ist sie für mich etwas elementares. Selbst wenn ich aus tiefstem Herzen liebe, träume ich nachts von stählernen Ketten, die in der Dunkelheit gefährlich klirren und auf mich warten.

BDSM ist ein Rollenspiel, in dem es um nichts Geringeres als das Leben geht. Herrschen und dienen – zwischen diesen beiden Polen spielt sich das Menschsein ab.

Wem gibst du Macht über dich?

Über wen übst du Macht aus?

BDSM verzerrt die Zustände lediglich so weit, dass ein rhythmisches Spiel entstehen kann. Am Ende erfährst du immer etwas über dich selbst. Über das, was dir Angst einflößt und dich damit zu der Person macht, die du bist.

Danach gehst du raus ins Licht. Und du kannst sagen:

Ich bin frei.

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5 Kommentare

  1. transomat says:

    Du kannst so wunderbar Reflektieren und Erklären. Dinge, die ich für mich selber nie hätte formulieren können, schreibst du hier einfach auf als wäre es das selbstverständlichste der Welt. Danke Dir Marie

  2. Nun lese ich diesen Beitrag wohl zum vierten Mal, und entdecke immer weitere Aspekte, über die es sich zum Nachdenken lohnt. Ich kann nur sagen: „Faszinierende Gedanken.“

  3. Es ist wundervoll, wenn man wissbegierig seine Grenzen auslotet, dies zu einer Art Sucht wird. allerdings stelle ich mir gerade folgende Fragen:

    Wenn man so tief, ich nenne es mal Dunkelheit der Seele, hinabstieg, dieses Fleckchen mit Licht erhellte, somit auf der Seelenlandkarte erforscht wurde, findet man dann noch Gefallen an höher gelegenen Seeleneckchen?

    Es ist bestimmt eine Art Sucht geworden, noch tiefer hinabzusteigen. Wann wirst Du sagen, das genügt, denn ich könnte es nicht mehr kontrollieren?

    1. „Es ist bestimmt eine Art Sucht geworden, noch tiefer hinabzusteigen.“

      Nein. Eine Sucht ist ein medizinisch klar definierter Zustand, der hier nicht gegeben ist.

      „Wann wirst Du sagen, das genügt, denn ich könnte es nicht mehr kontrollieren?“

      Ich denke nicht, dass man zu jeder Zeit alles unter Kontrolle haben muss. Es gibt genügend Situationen, in denen das schlichtweg nicht möglich ist. Trotzdem ist die Angst vor Kontrollverlust für viele Menschen sehr beängstigend und mit deiner Frage bedienst du daher genau diesen Narrativ. Die subtile Frage „wann genügt es denn endlich?“ spielt da auch mit rein. Die Forderung, sich mit etwas zu begnügen, hat meines Erachtens viel mit unserer christlich geprägten Erziehung zu tun. Offen polyamor lebende Menschen bekommen das bspw. oft zu hören. „Warum kannst du dich denn nicht (wie alle anderen auch!) mit einem Menschen begnügen?“ Die Gegenfrage lautet: Warum sollte ich, wenn das Leben so viel mehr zu bieten hat? Der Wunsch, schöne Erfahrungen zu machen, hat nichts mit Vergnügungssucht zu tun. Das ist etwas zutiefst menschliches und nur weil sich viele von uns diese Erfahrungen aus (vermeintlich!) moralischen Gründen versagen, heißt das nicht, dass sie das zu besseren (bzw. kontrollierteren) Menschen macht.
      Ich denke nicht, dass Menschen „abstumpfen“, wenn sie sich nach diesen tiefen Erfahrungen sehnen und sie ganz bewusst ausleben. Im Gegenteil.

  4. Mit diesen Antworten kann ich mich zufrieden geben, wobei ich das Wörtchen „Sucht“ nicht hätte verwenden dürfen. Ich finde es jedenfalls klasse, dass Du Dich weiterhin auf Entdeckungsreise begibst, um Dein Seelchen Stück um Stück zu erkunden. Sich selbst immer wieder neu zu entdecken.

    Ich freue mich auf zukünftige Erkundungsgeschichten.

    Monogamie bedeutet Kompromisse. Es gibt niemanden auf dieser Welt, der sämtliche Bedürfnisse eines einzelnen Menschen abdeckt. Wir sind auf dieser Welt, um auf UNSEREM Lebensweg, UNSERE Erfahrungen zu machen.
    Dies gehört uns alleine. Darüber darf sjch niemand Gedanken machen.

    Wenn wir nun monogam leben, dann unterdrücken wir stets irgendetwas, bis dass der Tod uns scheidet.

    Daher finde ich die Polyamorie ein Beziehungsmodell, dass dem Bedürfnis des Einzelnen am Nächsten kommt. Es ist doch viel schöner, seine Herzensliebe vielen Menschen zu schenken, als diese nur auf einen Menschen zu konzentrieren. Im Gegenzug empfängt man dieselbige auch von vielen Seiten.

    Danke für einen kleinen Schlüssellochblick in Deine Gedankenwelt.

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