Der freudige Club

Besser bekannt als Joyclub: Der sagenumwobene Ort, an dem scheinbar alles möglich ist, wären da nur nicht diese anderen Menschen, die einem jedes Mal einen Strich durch die Rechnung machen. Früher hat mich dieser Club oft gefrustet. Früher? Ja, Kinder, ich hatte mein erstes Profil vor über zehn Jahren.

Da mir kürzlich aufgefallen ist, dass ich überhaupt nicht mehr gefrustet bin, schreibe ich hier einige meiner Erfahrungen auf. Vielleicht kann der eine oder andere was mitnehmen. Falls nicht, erfreut euch an den Anekdoten eines alten Hasen.

Zunächst: Mein Leben ist gut gefüllt und ich habe kein Interesse daran, allzu viel Zeit in die initiale Suche zu investieren. Romane schreibe ich in meinen Blog und nicht an meine (potenziellen) Liebschaften. Mein Fokus liegt ausschließlich auf realen Kontakten. Da ich eher extrovertiert bin, habe ich zudem kein Problem damit, mich spontan bzw. kurzfristig auf einen Kaffee zu treffen.

Wie gehe ich konkret vor? Ich nehme mir ca. ein- bis zweimal die Woche jeweils gezielt eine Stunde Zeit für den Club. Richtig gelesen, ich logge mich nicht zwischendurch mal eben ein, weil mich das in der Vergangenheit nur gefrustet hat. Ich nutze diese Stunde lieber möglichst gut aus. Außerdem schreibe ich grundsätzlich eine höfliche Absage, wenn mir jemand nicht zusagt und dafür brauche ich die nötige innere Gelassenheit. Das handhabt jede Frau anders. Ich möchte mein Karma-Konto gerne ausgeglichen halten.

[Einschub. Auf Twitter ist das wiederum vollkommen anders. Dort steht auf meinem Profil ganz eindeutig, dass ich nichts suche. Ich bin auf Twitter, um zu twittern – völlig verrückt, ich weiß.]

In einem meiner letzten Beiträge über Sex beim ersten Date sprach ich von Klarheit über die eigenen Wünsche. Die habe ich und das hilft sehr. Diesbezügliche Ambivalenzen führen dazu, dass man permanent innerlich mit sich ringt. Das spürt der andere und im Endeffekt führt das oft zu unfruchtbarem Kontakt oder Drama. Entfernung, Geschlecht, Alter, Optik, Vorlieben und Beziehungsform habe ich daher für mich selbst definiert. Meine Entscheidung treffe ich schnell und da das auf den einen oder anderen Leser etwas befremdlich wirken könnte: Ich liege extrem selten falsch. Die tollen Erfahrungen der letzten Jahre geben mir recht.

So weit, so gut. Es kommt nicht selten vor, dass ich jemandem bei Sympathie nach fünf Mails meine Handynummer gebe. Manchmal klappt sogar ein Treffen am selben Tag. Vorteil: Es werden keine unnötigen Erwartungen aufgebaut, die sich am Ende womöglich nicht erfüllen. Sozusagen Blank Slate. Vierwöchige Mailkontakte, nach denen man dann erst mal eine ausführliche SWOT-Analyse macht, gehören definitiv der Vergangenheit an. Was ich ebenfalls nicht mehr mache: mehrstündige Reisen durch die Republik – keine Zeit, keine Lust, einfach nein. Ich wohne in einer großen Stadt. Hier gibt es genügend interessante Menschen.

Damit einher geht mein Hang zur Spontanität. Er hat in drei Wochen nachmittags zwei Stunden für ein Date? Funktioniert mit mir nicht. Ich bin eher der Typ: Morgen Kaffee nach der Mittagspause? Nach dem ersten Telefonat merkt man schnell, ob jemand dazu in der Lage ist oder ob man es mit jemandem zu tun hat, der nicht weiß, was er will. Ist letzteres der Fall, gebe ich ein ehrliches Feedback, dass diese Art des Kontakts für mich nicht erfüllend ist.

Frust vermeide ich auch, indem ich den Joyclub nur ergänzend zu meinem realen Leben nutze. Man verliert sich in der Online-Suche schnell mal und der Aufprall ist hart, glaubt mir. Mit meinen Freunden was trinken zu gehen oder im Club zu feiern – ob nun frivol oder nicht – gibt mir in jedem Fall mehr, als Stunden im Joyclub zu verbingen. Interessante Menschen lerne ich on- und offline kennen.

Daneben bin ich ganz grundsätzlich nicht der Meinung, dass es da draußen den perfekten Mann für mich gibt (#unromantisch). Deshalb sehe ich zwischenmenschliche Begegnungen sehr entspannt. (Was nicht heißt, dass ich keinerlei Erwartungen habe!) Und ich baue eher auf ein größeres Netzwerk aus tollen Menschen, mit denen ich mich wohl fühle. Gute Freundinnen, an die man sich nach einem schlechten Tag mal (körperlich) anlehnen kann, sind ebenfalls Teil davon.

À propos Netzwerk: Gerade für (Neu-)Singles kann der Aufbau eines solchen Netzwerks ungewohnt und frustrierend sein. Hat in der Beziehung der Partner/die Partnerin viele sexuellen und emotionalen Bedürfnisse quasi ohne große Aufforderung erfüllt, muss man sich als Single viel aktiver um diese Themen kümmern. Automatismen gibt es nicht mehr. Sicherlich können sich Frauen bei der Anbahnung von Erstkontakten eine größere Passivität „leisten“. Wenn es um die Aufrechterhaltung erfüllender Liebschaften geht, muss man jedoch seinen Stolz überwinden und sagen, was man wann und wie möchte bzw. wie man sich die Sache ganz generell vorstellt.

Doch selbst dann passiert es, dass sich Kontakte ohne erkennbaren Grund auflösen und zerstreuen – ebenfalls erhebliches Frustpotenzial.

Wie ich damit umgehe: Jeder von uns verändert sich täglich. Eines der größten Beziehungsirrtümer ist meines Erachtens, dass eine Bindung – ist sie einmal gemacht – immer genau gleich bleibt. Ich gestehe jedem Menschen die Veränderung seiner Bedürfnisse zu. In der Konsequenz bricht der Kontakt manchmal ab. Das hat nicht zwingend was mit Oberflächlichkeit oder Beziehungsunfähigkeit zu tun. Das ist schlichtweg menschlich. Manchmal trägt jemand Konflikte mit sich herum und möchte einfach seine Ruhe, ohne sich permanent erklären zu müssen. (Geht mir von Zeit zu Zeit ähnlich.) Ist die Bindung enger und verbindlicher, sieht das wieder anders aus. Grundsätzlich: nachfragen, selbst wenn es manchmal Überwindung kostet.

Viele der üblichen Schimpftiraden auf den Joyclub kann ich nicht nachvollziehen. Ja, dort bekommt man Mails. Ja, sogar von Männer, die – ACHTUNG!!! – Sex wollen. Das ist immerhin eine Sex-Community. Wer sich moralisch über Männer empört, die auf einem Erotikportal nach Sexkontakten suchen, sollte ernsthaft in sich gehen.

Sicherlich kann man dabei die Form der Kontaktaufnahme bemängeln. Über „hey, ficken“-Mails ärgere ich mich auch. Doch genau da liegt der große Vorteil eines Online-Portals. Man muss aufdringliche Typen weder auf der Tanzfläche abwimmeln noch aus der Wohnung ekeln. Man kann einfach auf löschen klicken und in der nächsten Sekunde ist der ganze Spuk vorbei.

Eine weitere Beobachtung, die natürlich nicht empirisch belegt ist: Je weniger Haut ich auf meinen Fotos zeige, umso höher ist die Qualität der eingehenden Nachrichten. An dieser Stelle könnte man das einer feministischen Analyse unterziehen und den Untergang der Gesellschaft an die Wand malen, weil freizügige Fotos bei Männern (scheinbar!) zu abnehmendem Respekt gegenüber Frauen führen. Oder – und dafür habe ich mich entschieden – man geht pragmatisch mit dieser Tatsache um.

(Daher muss ich innerlich über Anfragen von Twitter-Followern schmunzeln, die nach meinen Joyclub-Profil fragen. Dort gebe ich nämlich deutlich (!) weniger preis als in meiner Timeline.)

Um diesen Artikel langsam zum Abschluss zu bringen: Generell finde ich es wichtig, sich zu fragen, welche Ziele man verfolgt und dann zu schauen, mit welchen Maßnahmen man diese erreichen kann. Bei der Festlegung von Zielen bin ich eher der Typ, der sich kleine, realistische Ziele steckt. Andere verfolgen die Philosophie, sich große, idealistische Ziele zu stecken. Das ist der Punkt, an dem man hundertprozentig ehrlich zu sich sein sollte. Viele Frauenprofile lassen mich ratlos zurück, weil ich keine Ahnung habe, was deren Ziele sind oder wonach sie genau suchen. Meinem Empfinden nach sind das dieselben Frauen, die irgendwann total frustriert wegen des Joyclubs sind. Wer schlau ist, zählt jetzt eins und eins zusammen. Wenn ich nicht weiß, welchen Berg ich besteigen will, ist es klar, dass ich mich verirre.

Wenn ich aber weiß, auf welchen Berg ich möchte und wie dort die Wetterverhältnisse sind, kann ich die passende Ausrüstung dafür wählen. Natürlich kann es immer passieren, dass ich von den Gegegebenheiten am Gipfel überrascht werde. Da sind dann wiederum Flexibilität und Entdeckergeist gefragt.

Ich hoffe, es kommt rüber, was ich sagen möchte?

Wenn es um Sex und Liebe geht, scheuen viele davor zurück, pragmatisch an diese Dinge ranzugehen. Meines Erachtens nach geht es nicht anders, wenn man seine Möglichkeiten voll ausschöpfen will.

Ich wünsche euch viel Spaß dabei!

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2 Kommentare

  1. Joyclub würde das bestimmt als Anleitung für Neuanmeldungen verteilen 🙂

  2. Mastergunter says:

    Ja Joyclub kann für Kontakte gut sein, sofern, wie rdu richtig sagst, ich weiß, was ich will. Auch für Langzeitkontakte scheint es nicht der richtige Anbahner zu sein. …und da stimme ich zu eine Stunde intersiv reinschauen, lesen und gegebenenfalls antworten, ist die richtige Marschroute.

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