Der Dumm-Dom – eine andere Perspektive

„Da hat er mir auf die Füße geschlagen. Das geht gar nicht. Voll der Dumm-Dom.“

„Hattest du das auf deiner Liste mit den Tabus stehen?“

„Nein. Aber das muss man doch spüren. Ein Dom muss mich perfekt lesen können.“

„Hast du dein Safeword benutzt und ihm danach ein Feedback gegeben?“

„Was denkst du denn? Ich bin nach der Session sofort gegangen, damit ich dir davon erzählen kann.“

Ihr Lieben, in solchen Momenten überlege ich mir ernsthaft, einen Sub-Führerschein bzw. Sub-TÜV einzuführen. Aber fangen wir von vorne an.

Da draußen geistert die romantische Vorstellung herum, dass ein(e) Dom eine(n) Sub zu einhundert Prozent lesen können muss. Da ich selbst aktiv spiele, kann ich euch ganz ehrlich sagen: Obwohl ich sehr empathisch bin, würde ich niemals von mir sagen, ich kann einen anderen Menschen lesen. Wenn ich jemanden länger kenne, kann ich ihn (oder sie) irgendwann ganz gut einschätzen. Mehr nicht. Punkt.

Als Domme bewege ich mich manchmal in Grenzbereichen, die nicht über eine Tabu-Liste oder ein Gespräch abgedeckt wurden. Es ist unrealistisch, jede Praktik bis ins letzte Detail vorher abzusprechen. Noch dazu kann ich keine sieben Seiten mit Praktiken auswendig lernen – so leid mir das tut. Wenn ich während einer Session eine verrückte Idee habe, über die Sub und ich nicht gesprochen haben, mache ich manchmal einfach. Diese Überraschungen sind Teil meiner Dominanz. Das ist genau das, was aktiv sein für mich bedeutet. Und was einem Sub in vielen Fällen genau den Kick gibt, den er braucht. Auf diesem Wege entwickelt man sich (in meinen Augen) als Sub weiter.

Ich weiß, dass es da draußen andere Arten von Dominanz gibt. Da ist Sub im Grunde der dominante Part, weil er/sie minutiös alles vorgibt und Dom nur noch der/die ist, der/die ausführt. Wie ein vorher programmierter Computer. Sehr praktisch.

Nun, ich praktiziere kein praktisches BDSM. Ich würde niemals absichtlich etwas tun, was auf der Tabu-Liste steht. Doch wenn mir wie gesagt spontan etwas Außergewöhnliches einfällt, muss Sub damit leben.

Wobei „damit leben“ relativ ist, denn er kann sein Safeword benutzen und ich beende sofort das Spiel. Oder die Praktik bewegt sich in einem Bereich, den er zwar ertragen kann, sich aber nicht wirklich wohl dabei fühlt. Dann muss er seine Gedanken dazu nach der Session anbringen und wir entscheiden gemeinsam auf Augenhöhe, wie wir mit dem neuen Input umgehen. In diesem Moment bin ich auf seine Selbstverantwortung angewiesen. Er muss wissen, was ich mit seinem Körper tun darf und was nicht. Ein „vielleicht“ oder ein „mal schauen“ ist für mich als Domme übrigens immer ein Ja. (Wobei solche schwammigen Formulierungen bei Männern selten vorkommen.)

Kommen wir zurück zu dem oben beschriebenen Dialog. Auch da hat ein Dom etwas ausprobiert, nämlich Schläge auf die Füße. Als Anfänger-Sub hat man Bastonade (so heißt das in schlau) selten auf dem Schirm, weshalb es in der Regel nicht auf den üblichen Listen auftaucht.

Ist besagter Mann deshalb ein Dumm-Dom?

Die BDSM-ler, die die Wunschzettel-Philosophie vertreten, würden das bejahen. Denn wenn etwas nicht auf der Liste steht und man sich nicht sicher sein kann, dass Sub das wirklich wirklich wirklich will, hat man es strikt zu unterlassen.

Klassischer Fall von Clash of Cultures.

Wie lösen wir diese Kiste?

Ich denke, als ersten Schritt sollten sich Subs bewusst machen, dass der dominante Part keine Gedanken lesen kann. Gerade Frauen überschätzen oft die Stärke ihrer eigenen Signale. Vor den Spiegel stellen und laut und deutlich das Safeword sagen, hilft ungemein als Vorbereitung für neue Spielpartner. Man könnte noch weiter gehen und schauen, was man fühlt, wenn man das Safeword sagt. Schuld? Scham? Zweifel? Ist es peinlich, unangenehm? Falls das alles zutrifft, sollte man ernsthaft an diesen Punkten arbeiten. Denn all das hält einem in der Realität davon ab, das Safeword auch zu benutzen. (Noch ein Hinweis am Rande: Das wohl bekannteste Safeword unter BDSM-lern lautet „Mayday“. „Rot“ ist ebenfalls eindeutig. Diese Wörter sind sehr nützlich, wenn man auf Partys mit Fremden spielt oder wenn noch kein Safeword vereinbart wurde.)

Der nächste Schritt – und das ist einer der Gründe, warum ich Artikel wie diesen schreibe – muss sich ein(e) Sub darüber im Klaren sein, auf welcher Seite des Spektrums er/sie sich bewegt. Braucht er/sie die Sicherheit, dass außerhalb der Liste nichts Unvorhergesehenes passiert? Oder darf man ihn/sie ruhig mal ins kalte Wasser schubsen?

Bevor die üblichen Einwände kommen: Ein(e) wirklich gute(r) Dom wird diese (und viele andere) Punkte vorher in irgendeiner Form abklopfen. Doch ich bin in den Ratschlägen, die ich gebe, immer sehr pragmatisch und orientiere mich an den menschlichen Gegebenheiten. (Wir erinnern uns: Menschen sind nicht perfekt. Nein, auch du nicht.) In meinen Augen sind das daher Dinge, die Sub gerne für sich klären und während des Vorgesprächs anbringen darf. Eine safe Session liegt im Interesse aller Partner. Für fast alle Subs ist Augenhöhe einer der wichtigsten Werte.

Deshalb, liebe Sub: Steuert aktiv etwas zu dieser Augenhöhe bei!

cropped-header_01.jpg

5 Kommentare

  1. ich lese interessiert und kann deine gedanken nachvollziehen, selber denken könnte ich sie in diesem kontext nicht. danke

  2. Danke für diesen Artikel!

  3. transomat says:

    Das macht doch die gute Domina aus. Die nicht den Zettel abarbeitet sondern mit Lust und Phantasie eine Session kreiert. Danke Marie

    1. In dem Text geht es nicht um Dominas, sondern um FemDoms und MaleDoms. Das ist ein Unterschied. Zu einer Domina gehst du, um bestimmte Vorstellungen gegen Geld erfüllt zu bekommen. (Ganz grob vereinfacht.) Dieser Prozess ist deutlich näher am Wunschzettel dran, als bei den meisten privaten FemDoms.

  4. Ein ganz klares JA zu deinem Artikel.
    Mehr gibt es wirklich nicht zu sagen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.