Dein Kompass

Ich habe gestern einen kleinen Schnitt vollzogen. Keine große Sache. Genauer gesagt passiert das öfters, nur dass ich nicht immer darüber twittere.

Worum ging es und worauf will ich in diesem Beitrag hinaus?

Ich trenne mich sehr schnell von Menschen, bei denen ich kein gutes Gefühl habe. Dazu braucht es keinen Auslöser. Es braucht kein Zerwürfnis, keinen Streit. Dieses Verhalten mag auf andere Menschen überstürzt, oberflächlich oder impulsiv wirken.

Doch es gibt eine wichtige Frage, die sich insbesondere Frauen stellen sollten:

Ging es jemals gut aus, wenn du von Anfang kein gutes Gefühl hattest?

Bei mir war das nie der Fall. Jeder Mann, bei dem es katastrophal schief ging, hatte von Beginn an etwas an sich, das mich zweifeln ließ. Wenn ich von Verletzungen schreibe, meine ich nicht die Art von Verletzungen, die sich nicht vermeiden lassen, wie beispielsweise nicht erwiderte Gefühle. Das passiert. Das gehört zum Lieben und Ficken dazu.

Ich meine die Art von Verletzungen, die meine Substanz erschüttert haben und die vermeidbar gewesen wären, wenn ich meine Zweifel ernst genommen hätte.

Jetzt ist es oftmals so, dass es für diese Zweifel keinen triftigen Grund gibt. Kein Mann hat mich jemals beschimpft oder gewaltsam zu etwas gezwungen. Nein, diese Zweifel waren einfach da – ohne Erklärung. Und genau deshalb hörte ich viel zu selten auf sie.

Anders ausgedrückt: Ich erlaubte mir nicht, die Zweifel als das zu begreifen, was sie waren und sind, nämlich ein Ausdruck meiner Intuition.

In einer Welt, in der Objektivität der höchste anzustrebende Zustand ist, hat diese unerklärliche und zutiefst subjektive Intuition nichts verloren, nicht wahr? Zumal weibliche Intuition eher belächelt, denn für voll genommen wird.

Wenn ich eines sicher weiß: Seit ich dieser Intuition einen festen Platz in meinem Leben einräume, fühle ich mich freier und glücklicher als je zuvor. Die Schnitte, die auf andere impulsiv oder nicht durchdacht wirken, bewahren mich mit großer Wahrscheinlichkeit vor Drama und (vermeidbaren) Verletzungen.

Doch das muss man sich als Frau erst einmal erlauben können. Die liebe Ophelia hat es mit dem folgenden Satz gut auf den Punkt gebracht:

Man braucht keinen Grund, um Nein zu sagen.

Für mich eine simple und gleichzeitig monumentale Wahrheit.

Warum erlauben es sich viele Frauen nicht, auf ihren inneren Kompass zu hören, obwohl sie es auf Basis vergangener Verletzungen besser wissen sollten?

Wir denken, wir hätten kein Recht auf diese Zweifel. Eine Entscheidung zu treffen – und zwar einfach so, ohne objektiven Grund – das steht uns nicht zu.

Und so landen wir in Beziehungen oder Ehen, bei denen von Anfang an das Gefühl da war, dass das zwar ganz nett ist, aber irgendwie nicht das Richtige.

Oder wir landen in den Armen von Männern, die uns etwas versprechen, das wir so gerne glauben würden, aber irgendetwas lässt uns zweifeln. Wochen, Monate und manchmal sogar Jahre später stellt sich heraus: Diese Versprechungen waren nichts wert.

Oder wir lernen jemanden online kennen, vereinbaren ein Treffen und wenige Zeit vor dem Date sagt/schreibt er etwas, das unsere Alarmglocken schrillen lässt. Wir schieben diese Gedanken beiseite (schließlich ist der Tisch schon reserviert), treffen uns trotzdem und merken nach ein paar Minuten: Wir hätten die Alarmglocken ernst nehmen sollen.

Auf den inneren Kompass zu hören, das bedeutet vor allem, sich selbst und die eigenen Gefühle ernst zu nehmen. Es bedeutet auch, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Das ist etwas, das verdammt viel Angst auslöst. (Selbst mir, während ich das hier aufschreibe.) Aber wer sonst – außer mir selbst – sollte denn den Mittelpunkt meiner Handlungen bilden? Warum sollte ich jemand anderem die Deutungshoheit über meine Gefühle einräumen?

Wenn man das in der Form niederschreibt, klingt das logisch und nachvollziehbar. Diese Überzeugungen bis ins Innerste vordringen zu lassen, ist schon deutlich schwerer. Das ist ein Prozess, der mit kleinen Schritten beginnt.

Einige Fragen, die diesen Prozess anstoßen können, führe ich hier auf:

Was möchte ich? Trägt das Gegenüber dazu bei, dass ich das erreiche, oder hält er/sie mich gar davon ab?

Welche Werte sind mir in Beziehungen wichtig? Teilt mein Gegenüber diese Werte?

Was hält mich davon ab, Nein zu sagen? Sind es die Erwartungen der anderen oder möchte ich ein bestimmtes Bild von mir selbst aufrechterhalten? Oder bedingt sich beides?

Möchte ich einfach nur nett sein? Warum? Welchen Nutzen erhoffe ich mir davon und trat dieser Nutzen in der Vergangenheit ein, wenn ich einfach nur nett war?

Was passiert mit mir und meinem Leben, wenn ich nicht mehr nett bin?

Wie könnte ein Leben aussehen, in dem ich konsequent auf meinen inneren Kompass höre?

Bei all dem geht es wie gesagt darum, den Fokus zurück auf sich zu richten. Wenn ich mit anderen Menschen über deren Beziehungen spreche, gibt es bei sehr vielen den Automatismus, dass sie die Perspektive des Gegenübers einnehmen. Keine Frage, das ist wichtig. Menschen sind empathische Wesen. Doch viele verlieren dabei den Fokus auf sich selbst. Sie machen sich stundenlang Gedanken darüber, was der andere/die andere wollen könnte, anstatt sich zu fragen: Was will ich?

Als ich gestern den Schnitt vollzog, wusste ich sehr genau, dass ich diesen Menschen nicht in meinem Leben haben will. Es war wie gesagt überhaupt nichts dramatisches vorgefallen. Aber da gab es ein tagelanges inneres Pochen, das mich bis in meine Träume begleitet hatte. Ich nahm es ernst und sagte:

Nein.

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8 Kommentare

  1. Patricia says:

    ❤️ Danke
    Du hast damit vollkommen Recht. Leider passiert es mir noch relativ häufig das ich diese innerer Stimme nicht bewusst wahrnehme. Das ist bisher auch noch kein einziges Mal positiv ausgegangen.

  2. Du hast es jetzt zwar aus der Sicht einer Frau beschrieben, aber es betrifft wohl genauso gut Männer.
    Ich denke, dass es eine Lebenserfahrung ist. In jungen Jahren bindet man sich oft mit dem Gedanken, dass die bestehenden Zweifel bestimmt noch aus dem Weg geräumt werden oder dass man damit schon umgehen kann.
    Die Erfahrung, dass das meisten ein Fehler war/ist, muss man erstmal machen. Einige Menschen machen diese Fehler auch öfters im Leben oder sogar immer, weil sie wahrscheinlich Angst vor dem Alleinsein haben.
    Mir hat eine gescheiterte Ehe mit zwei Kindern gezeigt wohin es führen kann, wenn man die Zweifel an der Partnerin nicht beachtet.
    Für mich persönlich war es schon schlimm genug, aber für das was meine Kinder dadurch miterleben mussten schäme und ärgere ich mich am meisten.

    1. Danke für deine Perspektive. (Ich kann „nur“ die Perspektive einer Frau bieten, da ich ja selbst eine bin 😉)

  3. Hrtgpdh says:

    Der Kompass existiert auf beiden Seiten, wenn ich wegen irgendeiner Facette einer Frau kein gutes Gefühl hatte, war das zumeist der springende Punkt warum eine Beziehung gescheitert ist.

  4. Wir sollten wohl alle einfach mehr auf unser Bauchgefühl hören. Mich hast Du jedenfalls zum Nachdenken angeregt. Danke ♥️

  5. transomat says:

    Anna sagt es. Das gute alte Bauchgefühl. Wir müssen uns ganz sicher nicht dafür schämen. Wir müssen nur lernen es zuzulassen.
    Ich habe in meinem Leben mehr als 1.000 Personen in Bewerbungsgesprächen gehabt. Übrigens in Deiner Branche :-). Erst als ich mich von den sogenannten „Objektiven Kriterien“ abwandte und mein Bauchgefühl zuließ, wurde es gut und erfolgreich.
    Was Du für die Liebe und Freundschaft gelernt hast, passt auch im Berufsleben ganz
    gut.

  6. Danke meine Liebe für diese Worte. Ja, ich finde es super, wenn Du auf dein Bauchgefühl hörst. Denn auf das sollte man auch aus meiner Sicht viel mehr vertrauen. Klar kann es sein, dass uns die Nervosität ein Bauchgefühl vorgaukelt, aber das lernt man mit der Zeit zu erkennen. Aber beim echten Bauchgefühl bleibt dann immer ein ungutes Gefühl oder gar ein Zweifel haften. Und dieses kann man zwar sicher eine Zeit lang unterdrücken, aber auf Dauer wird das nie gut gehen. Oder aber man wird immer trauriger dabei. Also auch ich bin dafür, dass ein Nein nicht immer erklärt werden muss. Und man sollte es vermehrt auch sagen.

    Vielen Dank noch einmal für diesen Text meine Liebe! 💜

  7. […] gelesen, die leider nicht mehr so aktiv ist. (Wenn Du das liest: Schreib mal wieder !). Auch Marie und Tara habe ich immer gern gelesen. Und noch weitere. Bei Kari hatte ich immer das Gefühl […]

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