#BDSMBlogparade Humor: Ein Plädoyer für mehr Authentizität

Es ist wieder soweit: Die BDSMBlogparade steht ins Haus. Dieses Mal fiel es mir schwer, ein Thema für einen Beitrag zu finden. Meine ersten Gedanken dazu:

Humor im BDSM? Ganz wichtig! Wir dürfen uns selbst nicht so ernst nehmen. Nicht wahr?

Nach längerem Nachdenken kam ich zu dem Schluss: Nein. Wir dürfen uns ernst nehmen und wir müssen nicht über jeden Witz lachen, der auf unsere Kosten geht.

Aber, aber … ein bisschen Spaß muss sein. Wir (die Vanillas) tolerieren euch doch.

Ist das so? In meinen Augen ist eine Toleranz, die sich unter dem Deckmäntelchen des Humors versteckt, nur geliehen. Das ist ein bisschen wie die lustige Dicke, der lustige Schwule, die lustige Transe und der lustige Behinderte. Unterm Strich bleiben es „die Anderen“. Hannah Gadsby hat dem Zusammenhang zwischen Marginalisierung und Humor ein eigenes Comedy-Programm gewidmet: Nanette. Daraus: „I have built a career out of self-deprecating humor and I don’t want to do that anymore. Do you understand what self-deprecation means when it come from somebody who already exists in the margins? It’s not humility, it’s humiliation. I put myself down in order to speak, in order to seek permission to speak.“

Als eine Frau, die aufgrund ihrer Sexualität zu „den Anderen“ gehört, habe ich zwei Möglichkeiten, wenn mein Umfeld mein Sexleben (sprich: BDSM) mit Humor besetzt: Ich lache mit oder ich bleibe ernst. Ersteres fühlt sich oft (nicht immer!) genau nach der self-deprecation an, von der Hannah Gadsby ein Lied singen kann. Zweiteres führt nicht selten zu dem Vorwurf, BDSM-ler hätten keinen Humor.

(Genau wie die Frauen, die nicht über sexistische Witze lachen können … Die haben auch keinen Humor.)

Dass es schlichtweg nicht witzig ist, wenn jemand die Art, wie ich Sex habe, ins Lächerliche zieht, wird nicht in Erwägung gezogen. Es gibt eine feine Linie in Sachen Humor. Wenn zwei BDSM-ler miteinander über etwas lachen, was bei der letzten Session schief ging, ist das etwas völlig anderes, als wenn sich meine Vanilla-Tante über Menschen lustig macht, die mit Hündchenkleidung zu einer Domina gehen, um dort ihr Pet Play auszuleben.

Diese Art von Humor beinhaltet immer den Ausdruck eines Machtverhältnisses. Das funktioniert nur von oben (Vanilla) nach unten (BDSM). Und da darf man sensibel sein. Davon darf man genervt sein. Manchmal werde ich davon sogar traurig, obwohl alle um mich herum lachen.

Da ist es umso verständlicher, wenn BDSM-ler Räume für sich beanspruchen, in denen dieser Humor keinen Einzug findet. Das sieht für Außenstehende wie eine Abschottung aus. Manchmal wirkt es sogar arrogant. Dabei ist es nur ein Schutzmechanismus für eine Szene, die keine Lust auf „Hündchenkleidung – ach wie witzig“ hat.

Während ich das so schreibe, stelle ich mir natürlich die Frage, wie ein Mittelweg aussehen könnte. Wie schaffe ich es als BDSM-ler, gelassen und authentisch zu bleiben, wenn andere über meine Sexualität sprechen? Ich habe keine Lust, die Oberlehrerin zu spielen, die bei jedem noch so kleinen Witz direkt unter die Decke geht. Doch auf der anderen Seite möchte ich in meinem Begehren ernst genommen werden.

Ich denke, dass die Großteile dieses Humors auf Unwissenheit und Unsicherheit basieren. Wir alle – egal ob Vanilla oder BDSM-ler – tun uns schwer damit, über Intimität und Lust zu sprechen. Deshalb kaschieren wir es mit witzigen Bemerkungen. Das kann helfen. Es kann aber auch das Gegenteil bewirken: Nämlich dass wir uns von dem entfernen, was uns wirklich umtreibt.

Sexualität (ganz generell gesprochen) ist ein immenses Spannungsfeld, wo die Versagensangst mit der Anorgasmie kämpft und der Libidoverlust mit geheimen Wünschen kollidiert. Eine kompetente Sprache zu entwickelt, um all dem Raum zu geben, ist wahrscheinlich eine Lebensaufgabe. (Eine sehr schöne, wie ich finde. Doch das nur nebenbei.) Fügt man diesem Mix nun noch BDSM hinzu, wird es richtig bunt.

Humor in der Session ist wichtig und trotzdem sollte man nicht vergessen: Es gibt sehr viele ernste Momente. Die Palette an Gefühlen, die man beim Spielen durchlebt, kann an die Substanz gehen. Selbst ich finde oft keine Worte für das, was da mit mir passiert.

Diese geheimnisvollen Grenzgänge sind in meinen Augen die Ursache für die Unsicherheit, die mir bei Vanillas in Form von „Humor“ entgegenschlägt. Man ist mit etwas konfrontiert, das man nicht versteht. Und anstatt sich diese Tatsache bewusst zu machen und damit zurechtzukommen, dass es da draußen Formen der Sexualität gibt, die man mit dem Verstand nicht greifen kann, macht man witzige Bemerkungen. Die letzte Form, ein bisschen Kontrolle auszuüben.

Meine Frage nach dem Mittelweg ist damit nicht beantwortet. Vielleicht liegt er in einer entwaffnenden Ehrlichkeit ohne belehrenden Unterton.

„Die Hündchenmasken von denen du sprichst, tragen mein Partner und ich sehr gerne.“

„Die Dominas, deren Gebaren du nicht durchschaust, freuen sich bestimmt, wenn du sie mal besuchst und nachfragst, was sie genau machen.“

Oder ganz allgemein gesprochen:

Ich kann dir nicht erklären, was wir fühlen, wenn wir spielen, aber ich kann versuchen, dir unsere Welt zu zeigen.

Und dann sitzen wir womöglich irgendwann da und lachen.

Aber dieses Mal gemeinsam.


Die BDSMBlogparade:

Tomasz Bordemé

Tanja Russ

Margaux Navara

Falbalus

Dompteur

2 Kommentare

  1. Christian_who sagt:

    Kompliment. du schaffst es einen wirklich nachdenklich zu machen. Danke.

  2. […] Marie Moreau: Herzinfucked – 12. April […]

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