BDSM als Handwerk

Ich bin über Twitter auf eine sehr interessante Frage von @SolidLucifer gestoßen:

Kann eine Person bei einem Dom in „Ausbildung“ gehen, das „Handwerk“ erlernen? Kopiert und adaptiert diese Person lediglich die Verhaltensmuster des Doms, wenn keine Affinität zu Dominanz gegeben ist? Weiß diese Person am Ende, was es ausmacht zu führen?

Meine ganz persönliche Meinung dazu in einem Satz: Im BDSM-Bereich – ich würde es sogar auf Sex generell ausweiten – können wir gar nicht genug von anderen lernen.

Ich führe das im Folgenden etwas detaillierter aus.

Handwerkliche Fähigkeiten

Jeder/jede, der/die schon mal ein Instrument in der Hand hatte, mit dem man Schmerzen verursachen kann, hat im Idealfall vorher schon mal damit geübt. Im schlechtesten Fall steht ein Dom mit einem neu erworbenen Spielzeug vor einer Sub und denkt sich mitten in der Session: „Was kann schon schief gehen? Ich taste mich einfach mal ran.“ Been there, done that! Lasst es besser sein! Oder – wenn ihr es zu zweit testen wollt – macht es außerhalb des Spiels. Eine Session ist keine Fahrstunde. In einer Session sind Gefühle im Spiel und mindestens ein Gegenüber.

BDSM ist so viel mehr als ein bisschen Popohaue und ein bisschen Peitsche schwingen. Es ist nämlich auch ein Handwerk und eine Fähigkeit, die man erlernen kann und sollte. Und das hat zunächst mal nichts mit dem zu tun, was sich auf mentaler Ebene abspielt.

Ein Dom muss ein gewisses Grundlagenwissen darüber haben, wie der menschliche Körper funktioniert und reagiert. Etwas beispielhafter: Rein intuitiv würde niemand Nadelspiele in der Nähe der Pulsader oder der Halsschlagader machen. So gibt es bei jedem Spielzeug bestimmte Dinge zu beachten und zu erlernen.

Deshalb: Ich finde es gut, wenn ein Senior-Dom einem Junior-Dom mit diesen Fallstricken (no pun inteded) hilft. Warum nicht?

Sicherlich kann man viel aus Büchern oder Videos lernen. Jedoch stößt man schnell an seine Grenzen, sobald detailliertere Fragen auftauchen.

Die eigene Handschrift

Kommen wir zum Kopieren und Adaptieren. Ich weiß nicht, ob SolidLucifer das absichtlich provokant formuliert hat. Es klingt etwas negativ (meiner Interpretation nach).

Erinnert ihr euch daran, als ihr schreiben gelernt habt? Ihr habt die Buchstaben aus dem Heft kopiert. Es waren kaum Unterschiede zwischen den einzelnen Kindern ersichtlich.

Wie sieht eure Handschrift jetzt aus?

Ich denke, es ist klar, worauf ich hinaus möchte. Jeder Lernprozess beginnt mit Imitation. Jede Kunst beginnt mit Imitation. Es gibt viele große Maler, die ihre Karriere als Kunstfälscher begonnen haben.

Für mich ist dieser Lernprozess nicht negativ – im Gegenteil. Er ist sehr natürlich.

Das große Ganze

SolidLucifers Frage enthält jedoch noch einen zweiten Teil: „… wenn keine Affinität zu Dominanz gegeben ist.“

Das bringt mich zu einem wichtigen Punkt.

Es gibt im BDSM zwei Sphären, die meines Erachtens nach bei dem gesamten Themenkomplex nicht sauber getrennt werden: das reine Handwerk und das Mindset.

Selbst eine zutiefst devote Person oder ein Vanilla kann das lernen, was ich unter Handwerkliche Fähigkeiten aufgedröselt habe. Sie könnten damit wahrscheinlich eine Session durchführen.

Das große Ganze kann jedoch erst entstehen, wenn adäquate handwerkliche Fähigkeiten auf die passenden charakterlichen Eigenschaften treffen. Das, was SolidLucifer Affinität zur Dominanz nennt.

Und um das Bild mit dem Kunstfälscher nochmal aufzunehmen: Zunächst ist da die Imitation bzw. das Erlernen des Handwerks. Später kommt (unter Umständen!) das hinzu, was wir gemeinhin als Kunst oder Genialität bezeichnen. Für den Maler wird sich dann jeder Pinselstrich natürlich und leicht anfühlen – als ob er nie etwas anderes gemacht hätte.

Genau diese Natürlichkeit und Leichtigkeit sollten meines Erachtens nach das Leitbild von Dominanz im Spiel sein. Das kann man nicht lernen. Das ist einem gegeben oder eben nicht.

Daher: Nein, nach dem reinen Erlernen des Handwerks weiß eine Person noch nicht, was es ausmacht zu führen.

Scheitern?

Theoretisch könnte folgendes Szenario entstehen: Junior-Dom geht bei Senior-Dom in die Lehre. Er ist bei Sessions zugegen. Der Senior agiert zunächst als Lehrer, später als Mentor und Impulsgeber. Nach Erlernen des Handwerks spürt Junior, dass er „es“ nicht fühlen kann. Er kann schlagen und Sub Schmerzen zufügen, aber es fehlt etwas.

Er ist kein Leader. Er weiß nicht, was es ausmacht zu führen.

Und nun? Ist das schlimm?

Man könnte das als Scheitern bezeichnen. Man könnte als erwachsener und reflektierter Mensch aber auch zu dem Schluss kommen, dass man gewagt hat, etwas Außergewöhnliches auszuprobieren, was nichts für einen war.

That‘s life.

Was ich sagen will: Wie auch immer die Lehre bei einem Dom ausgeht, man wird im Idealfall etwas für sich persönlich mitnehmen können. (Sofern man die Fähigkeit besitzt, sich selbst schonungslos auf den Prüfstand zu stellen.) Sei es, dass man erkennt: Wow, das hier ist genau mein Ding! Oder eben: Okay, das war eine interessante Zeit, aber für mich ist das nichts.

Menschen sind soziale Wesen

Noch etwas, das mir sehr am Herzen liegt: Lernen, nachfragen, andere um Hilfe und Impulse bitten sind nicht eure Feinde! Egal, ob als Dom, als Sub, als Erstklässler oder wenn ihr eure erste Crème brûlée machen möchtet.

Sicherlich ist eine Sub nicht unbedingt der geeignete Partner, um bestimmte Themen zu besprechen. Wer sich mitten in der Session mit Block, Stift und großen Augen ganz gelehrig vor eine Sub setzt und erwartet, alles über die Fähigkeiten eines Doms zu erfahren, riskiert damit möglicherweise die Aufrechterhaltung des Machtgefälles. (Was nicht heißt, dass Feedback etwas schlechtes ist. Ach Leute, ihr wisst, was ich meine!)

Wir neigen dazu, BDSM im stillen Kämmerlein zu betreiben, weil … wir sind schließlich ein dominanter Dom und dominante Doms fragen andere nicht, weil ihre dominante Dominanz ganz naturgegeben ist und überhaupt fragen Männer schon mal gar nicht nach dem Weg!

Dabei können gerade im stillen Kämmerlein auf Seiten der Sub Verletzungen entstehen, die irreparabel sind. (Ich wiederhole mich: Been there, done that!) Ich möchte niemandem Angst machen, denn ein ängstlicher Dom ist eine schlechte Voraussetzung für eine Session.

Ich möchte nur für etwas mehr soziale Interaktion in Sachen BDSM werben.

Also: lernen, nachfragen, andere um Hilfe und Impulse bitten!

[Ich rede hier durchgängig von männlichem Dom und weiblicher Sub. Natürlich gilt das Geschriebene auch für sämtliche andere denkbare Konstellationen. Meinem Empfinden nach gibt es aber gerade bei professionellen Dominas noch eher die Tradition, dass sie Einsteigerinnen unter ihre Fittiche nehmen und in das Métier einführen. Damit habe ich bereits Erfahrungen gemacht und werde das zu einem späteren Zeitpunkt verbloggen. Nicht dass ihr denkt, ich sitze hier im Elfenbeinturm und stelle lediglich theoretische Überlegungen an …]

1 Kommentar

  1. Interessante Gedanken… muß ich erstmal drüber nachdenken

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