An der Klippe

Ich lag neben ihm, während er mit einer guten Freundin von mir Sex hatte. Ich küsste ihn. Ich küsste sie. Es war gut und friedlich. So friedlich, wie Dreier nun mal sein können. Was ich in solchen Augenblicke empfinde, hat sich seit Jahren nicht geändert. Es gibt jedes Mal einen Augenblick, in dem ich das Gefühl habe, keine Luft mehr zu bekommen. Das ist der direkte Kontakt mit all meinen Ängsten. Ich denke: »Fuck, nein.« Ich stehe vorne an der Klippe und befinde mich in der Millisekunde vor dem Sprung. Jemand sagte mal zu mir: »Man hat immer nur davor Angst.«

Lange Zeit dachte ich, es wäre falsch, so zu empfinden. Eigentlich sollte ich anders fühlen, enthusiastischer sein. Dieser vergleichsweise dunkle Abgrund meiner Seele hat keinen Platz im bunten La-La-Land der Polyamorie. Es gibt ein magisches Gen, das solche Gefühle unmöglich macht. Ein Gen, das mir scheinbar fehlt.

Mittlerweile bin ich der Meinung, dass ich mich gefühlsmäßig nicht sonderlich von den Monogamen unterscheide. Ich entscheide mich lediglich dazu, an der Klippe einen Schritt nach vorne zu gehen und zu springen – statt umzudrehen. Beides ist vollkommen legitim – damit wir uns an dieser Stelle nicht falsch verstehen. Jeder Mensch hat solche Klippen in seinem Leben. An manchen dreht man um, an manchen springt man. Jeder hat seine eigene Geografie der Komfortzonen. Die Entscheidung, an genau dieser Klippe regelmäßig zu springen, hat mehr mit meinem persönlichen Wertesystem zu tun, als mit der Einstellung, Polyamorie wäre natürlicher, besser oder anderen Beziehungsmodellen überlegen. Ich halte all diese Diskussionen ehrlich gesagt für extrem irrelevant.

Wenn mich Menschen fragen, wie meine Beziehung funktioniert oder wie ich das alles so mache, habe ich eine extrem unbefriedigende Antwort: Ich tue es einfach. Das erzeugt überraschte Gesichter. Viele denken wahrscheinlich, ich würde sie belügen oder ausweichen. Dabei ist die Wahrheit: Ich habe keine bessere Antwort.

Beziehung lernt man durch Beziehung.

Mit den Jahren, die vergingen und in denen ich von zahlreichen Klippen gesprungen bin, vergrößerten sich mein Erfahrungsschatz und mein Vertrauen. Ich kann mir immer sagen: »Letztes Mal ging es gut. Warum nicht auch heute? Lassen wir es darauf ankommen.« Denn der Glücksrausch, der unmittelbar auf den Sprung folgt, ist für mich unvergleichbar. Den dürfen wir bei all der Schwere, die hier mitklingt, nicht vergessen. Die Verbundenheit, die ich während des Sprungs fühle, ist das Elixier, das meine Liebe immer tiefer werden lässt.

How does your anxiety talk to you? What is the dialogue between the part of you that fears the worst and the part of you that dreams about more?

Eshter Perel

Ich denke nicht, dass mein Ziel ist, diese initiale Angst zu überwinden. (Für viele Polys ist es das. Mein Partner Constantin gehört zu diesen magischen Wesen, die keine Klippen-Momente haben. Er hat meine tiefe Bewunderung dafür.) Ein deutlich realistischeres Ziel für mich ist, ein freundschaftliches Verhältnis zu meiner Angst zu haben. »Hey, lange nicht gesehen.« … oder so ähnlich! Je eher ich sie verdamme, umso präsenter wird sie; umso mehr Raum nimmt sie meiner Liebe weg. Ich möchte diese Anteile in mir nicht ablehnen. Die Einteilung meiner Ängste in gut bzw. böse, ist lediglich eine Bewertung von außen. Ich nehme mir die Freiheit, das nicht zu übernehmen.

Vielleicht liegt darin die wahre Freiheit, die ich mit einem alternativen Beziehungskonzept erreiche. Eine Emanzipation von dem Glaubenssatz, dass ich nur rein und gut lieben kann, wenn ich permanent rein und gut fühle.

Zur Tiefe gehört, dass man tief geht und die Oberfläche verlässt. Auf meinem Meeresgrund leben einige verrückte Kreaturen. Wenn ich sie einfange und wegsperre, bringt das unter Umständen mein gesamtes Ökosystem durcheinander. Liebevolle Ko-Existenz und bewusstes Tiefseetauchen – das ist eher mein Weg.

Das ist ein Abenteuer, das jeder Mensch zu bestehen hat, dass er lerne sich zu ängstigen, denn sonst geht er dadurch zugrunde, dass er in der Angst versinkt; wer hingegen gelernt hat, sich recht zu ängstigen, der hat das Höchste gelernt.

Sören Kierkegaard

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