An der Bar

Prolog

Er kniet vor mir und hilft mir dabei, meine halterlosen Strümpfe anzuziehen. Seine Hände gleiten meine Beine entlang, während er mich fragt, ob ich unter dem Rock einen Slip anziehen möchte. Angesichts der Temperaturen ist ein klein wenig Stoff sicherlich sinnvoll.

Ich: »Such einen für mich aus.«

Seine Wahl fällt auf ein Modell aus Spitze, an dessen Vorderseite eine kleine Perle angebracht ist.

Ich: »Es ist so schade, dass du heute arbeiten musst.«

»Nun, so ist es eben.« Wir küssen uns. »Ich wünsche dir einen wunderbaren Abend. Bei deinem kleinen Abenteuer wäre ich ohnehin überflüssig.«

»Das sehe ich anders.«

Wir lösen uns voneinander, weil mein Taxi bereits vor der Tür wartet.


Mit großer Vorfreude nehme ich auf dem Rücksitz des Taxis platz und gebe die Adresse der Bar durch, in der ich einen Drink mit meinem Blind Date nehmen werde. Reflexhaft drehe ich meinen Ehering von recht nach links und wieder zurück. Ein letztes Mal, bevor er in meiner Handtasche verschwindet.

Es ist Samstag kurz nach zehn Uhr. Die Menschen strömen allmählich in die Innenstadt. Meine Lust und ich mittendrin.

Die Bar wurde kürzlich eröffnet und ist sehr exklusiv. Ein Szene-Magazin hat sie sofort gehypt. Da ich mir solche Ausflüge nicht oft gönne, schadet es sicherlich nicht, diese Location mal kennenzulernen. Mein Outfit kommt mir im Vergleich zu den anderen hier ein klein wenig zu sexy vor. Lederrock und halbtransparente Bluse scheinen gerade nicht en vogue zu sein. Für meine Zwecke ist es perfekt.

Ich nicke dem Barkeeper zu. Er und seine Kollegen tragen weiße Kittel. Das gehört hier zum Konzept. Die Klientel – eine Mischung aus Kunstszene, Geschäftsleuten und Hipstern – verlangt wohl nach solchen Extravaganzen.

Wenige Augenblicke später steht mein Blind Date vor mir. Er muss es sein – suchender Blick gepaart mit einem dunkelblauen Anzug. Wir begrüßen uns mit einer Umarmung. Im Vorfeld hatten wir die Vereinbarung getroffen, einen lockeren Drink zu nehmen und den Rest nach Stimmung zu entscheiden. Seine Hand berührt meinen unteren Rücken jedoch eine halbe Sekunde zu lang, um mich weiterhin an einen unverfänglichen Ausgang des Abends glauben zu lassen. Ich mag das Spiel, das nun folgt.

Er: »Du siehst wunderbar aus.«

Ich: »Danke, du auch.«

»Was möchtest du trinken?«

»Lass uns den Barkeeper entscheiden.«

Der wiederum hat das Spektakel beobachtet und nickt uns erneut zu. Nun kann ich mein Date endlich in Ruhe betrachten. Er ist etwas jünger als ich. Seiner Ausstrahlung merkt man das nicht im geringsten an. Dem Körper, der sich unter seinem Hemd abzeichnet, dagegen schon. Ich atme tief ein und lasse ihn spüren, dass mein Blick auf ihm ruht.

Wir bekommen unsere Getränke.

»Für die Dame Pink Martini und für den Herrn Negroni.«

Ich muss schmunzeln, denn das trifft meinen Geschmack erstaunlich gut.

Mein Date kommt ohne Umschweife direkt zur Sache: »Du bist verheiratet?«

Ich: »Ja, genau.«

Er: »Erzähl mir davon.«

Es ist mir etwas unangenehm, da die Bar sehr klein ist und vor allem der Barkeeper keine Anstalten macht, uns ein wenig Diskretion zuzugestehen.

Ich: »Da gibt es nicht so viel zu erzählen. Wir haben uns von Anfang an unsere Freiheiten zugestanden und das in allen denkbaren Konstellationen.«

»Das heißt, er hat ebenfalls seine Abenteuer?«

»Früher etwas häufiger. Momentan muss er recht viel arbeiten, weil er mit einem Freund zusammen ein Unternehmen gegründet hat. Ich dagegen finde immer größeren Gefallen an den kleinen Auszeiten in schönen Bars mit jüngeren Männern … wie dir.«

Den letzten Teil des Satzes betone ich etwas stärker, denn ich spüre die Blicke des Barkeepers und mag den Gedanken, ihn ein wenig aus der Fassung zu bringen – was mir scheinbar gelingt.

Mein Date nippt an seinem Glas und denkt über meine Worte nach.

Er: »Das klingt nach einer perfekten Beziehung.«

Ich: »Eine perfekte Beziehung mit einer kleinen Dosis Grausamkeit.«

Er lacht: »Du bist doch nicht grausam!«

Ich: »Und ob! Ich genieße den Gedanken daran, dass mein Mann arbeitet, während ich Sex mit dir habe.«

Darauf war er nicht vorbereitet. Der Gedanke scheint ihm jedoch zu gefallen. Seine Körpersprache verändert sich. Der Barkeeper hat währenddessen völlig die Fassung verloren und widmet sich lieber wieder seinen anderen Gästen.

Er: »Jetzt kann ich verstehen, was du meinst, wenn du über Grausamkeit sprichst.«

Ich: »Was denn?«

»Man könnte es durchaus als Grausamkeit auslegen, junge Männer wie mich mit so einem Satz in einer öffentlichen Bar zu konfrontieren.«

»Ach? Das musst du mir erklären.«

»Siehst du … du bist schon wieder grausam.«

Wir müssen beide lachen. Die Chemie zwischen uns passt hervorragend.

Ich beuge mich ganz langsam nach vorne in seine Richtung und flüstere ihm ins Ohr: »Erregt dich etwa der Gedanke, dass wir nachher Sex haben werden? Dass du mein kleines außereheliches Abenteuer bist? Dass ich zu viel Lust habe für nur einen Mann?«

Er schaut mich an, als hätte ich ihm gerade die Weltformel verraten. Vielleicht habe ich das ja …

Er legt seine Hand auf mein Knie und antwortet nur: »Ja.«

Sein Gesicht befindet sich direkt vor mir. Ich koste den Moment und das Ziehen zwischen meinen Beinen noch etwas aus, bevor ich ihn küsse.

Bei jedem ersten Kuss denke ich an meinen Mann. Daran, wie ich ihm am nächsten Morgen alles haarklein erzähle. Meistens liegt er dabei zwischen meinen Beinen. Andere würden das Kapitulation nennen. Ich nenne das die höchste Form der Intimität, die ich jemals kennenlernen durfte. Die jungen Männer in den Bars sind lediglich willkommene Protagonisten in unserem persönlichen Theaterstück, das wir jeden Tag neu schreiben.

Unser Kuss ist innig und verheißungsvoll. Wenn er so fickt wie er küsst, dann liegt eine gute Nacht vor mir. Wir geben uns ein wenig unserer Gier hin und mein Date bestellt schließlich die Rechnung.

Der Barkeeper betrachtet mich wortlos einige Sekunden lang. Mein Lippenstift ist verschmiert. Es ist klar, was mein Begleiter und ich in den nächsten Stunden tun werden.

Statt uns die Rechnung zu geben, antwortet er meinem Date: »In meiner Bar sind meine Frau und ihre Begleitung immer eingeladen. Hier ist der Schlüssel für das Penthouse oben. Wenn ich fertig bin, komme ich dazu.«

Ich nehme kurz seine Hand und weiß wieder, warum Glück immer eine Portion Grausamkeit braucht.


Epilog

Meine Strümpfe liegen auf dem Boden verteilt. Das hatten wir gerade noch so geschafft, bevor er mich aufs Bett dirigierte und ich endlich das Gewicht seines sportlichen Körpers spüren durfte.

Nach sehr intensivem Sex liege ich nun schläfrig neben ihm. Jemand schließt die Haustür auf und ich höre meinen Mann in der Wohnung. Er lehnt sich an die Schlafzimmertür. Die langen Nächte, die Verantwortung in der Bar – man sieht es ihm an. Das Lächeln, das ihm übers Gesicht huscht, als er mich so sieht, zeigt mir jedoch die Person, die er wirklich ist.

»Ich habe dir etwas mitgebracht.«

Ich stehe auf und folge ihm.

»Pink Martini für die Dame.«

Er nimmt meine Hand, um mit mir ins Bad zu laufen. Er kniet sich vor mich, küsst mich dort, wo kurze Zeit zuvor noch jemand anderes war. Ich nehme einen Schluck von meinem Drink und lege den Kopf in den Nacken.

Liebe hat viele Gesichter. Das hier ist eines davon.

1 Kommentar

  1. Christian_who says:

    Für mich ist das eines der schönsten Gesichter der Liebe.
    Marie, Du kannst es einfach. Eine kurze Geschichte so zu erzählen das in meinem Kopf ein ganzer Kinofilm daraus entsteht.
    Danke Dir für Deine wirklich großartige Erzählung.

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