Q&A: Wie läuft eine BDSM-Session konkret ab?

Liebe Marie, danke für deine Texte und den Podcast. Sie haben mir schon viele Einblicke ermöglicht, teils konnte ich mich wiederfinden oder wurde inspiriert, teils lerne ich Neues kennen. Mittlerweile habe ich schon so viel über BDSM gehört/gelesen, aber frage mich als »Vanilla plus« schon oft, wie eine Session konkret abläuft. Ich kenne Werkzeuge, Fesselmöglichkeiten, grundsätzliche Überlegungen usw., aber kann mir so einen z. B. Abend irgendwie nicht richtig ausmalen. Bleibt man die ganze Zeit in seinen Rollen? Wie lange dauert es, jemanden zu schlagen? Wie viele verschiedene Dinge tut man miteinander? Wie kommt Sex ins Spiel, wenn überhaupt? Legt man sich als Aktive(r) vorher einen Plan zurecht und geht dann entsprechend vor? Wie kommt man in die Session und wieder raus? Wahrscheinlich sind diese Fragen für Leute mit Erfahrung so banal, dass ihr gar nicht darauf kommt, dass es sich jemand nicht vorstellen kann. Für mich ist es aber so. Ich habe mir immer eine Podcast-Folge gewünscht, in der ihr mal solche Fragen thematisiert. Allerdings habe ich die Ahnung, dass die Antwort lauten wird: Es ist total individuell. Auf die Frage »Wie läuft ganz normaler Vanilla-Sex ab?« gibt es ja auch nicht die eine Standard-Antwort. Trotzdem würde ich mir realistische Einblicke wünschen. Was man auf den Standard-Pornoseiten findet, kommt mir oft ganz schön gekünstelt vor, ich vermute, dass die Realität anders aussieht. Hast du Empfehlungen, wo ich Antworten auf meine Fragen finden könnte oder kannst selbst etwas dazu sagen? Ich danke dir!

Meine Antwort

Zunächst einmal wiederhole ich das, was ich auf Tellonym geschrieben habe: Ich finde deine Frage sehr komplex und gleichzeitig spannend. Warum es darauf keine eindeutige Antwort gibt, ahnst du bereits: Es ist alles sehr individuell. Je eher ich in Details und Abläufe einsteige, umso eher bekommen meine Vorschläge einen normativen Charakter. Allerdings halte ich ein paar Leitplanken – gerade am Anfang – für unabdingbar. Alles, was ich im Folgenden aufschreibe, entspricht meiner persönlichen Perspektive. Manche werden sich darin wiederfinden, andere nicht. Das liegt in der Natur der Sache und ich begebe mich nicht in die Position, unfehlbar zu sein. BDSM lebt von Reibung, von neuem Input und respektvollen Diskussionen. Meine Empfehlung war und ist immer gewesen: Holt euch am Anfang so viele Perspektiven wie möglich ein und entwickelt dann eure eigene.

Was ich als die größte Hürde wahrgenommen habe: meinen Perfektionismus. Dabei sollten wir uns viel öfter daran erinnern, wie holprig unser Sexleben begann oder wie holprig der erste Tanzkurs vonstatten ging. Es ist wichtig, das im Hinterkopf zu behalten.

Aber genug der schwammigen Worte. Du wünschst dir Details und die wirst du bekommen.

Deinem Text entnehme ich, dass du dich auf der aktiven Seite siehst. Daher werde ich diesen Blickwinkel übernehmen. Ich gehe auch davon aus, dass du mit deinem Partner/deiner Partnerin bereits Gespräche über Vorlieben, Tabus, Rollenverteilung, körperliche Einschränkungen, Safeword etc. geführt hast.

In die Rolle kommen

Für mich ist das der wichtigste Teil vor einer Session. Ich habe ganz persönliche Rituale entwickelt, um mein Dom-Mindset zu aktivieren. Wenn ich ambivalent bzw. nicht zielgerichtet bin, kann ich keine klaren Botschaften vermitteln. Klare Botschaften (dazu zählt auch das Nonverbale) sind absolut essenziell, damit sich der passive Teil sicher fühlt und sich in seine Erregung/seine Hingabe/seinen Schmerz fallen lassen kann.

Um diese Haltung mit Leben zu füllen, hier zwei völlig unterschiedliche Formulierungen, wenn ich Lust auf Oralsex habe:

Mein Vanilla-Ich: »Hast du Lust, mich zu lecken?«

Mein BDSM-Ich: »Ich möchte, dass du mich jetzt leckst.«

Dieses Mindset zieht sich durch meine gesamte Session, wobei ich zu Beginn am konsequentesten darin bleibe. Mein Sub kommt unter Umständen gerade aus einer Alltagssituation und braucht eine gute Portion Führung, um adäquat in seine Rolle zu finden. Wenn ich spüre, dass er dort angekommen ist, wird auch mal gelacht oder es gibt einen kurzen Moment, in dem (scheinbar) Augenhöhe herrscht. (Beispielsweise, wenn einer von uns auf die Toilette muss, ein Körperteil beim Fesseln einschläft oder jemand Durst hat.)

Als Aktiver kreierst du den Raum. Du verabschiedest dich für die Zeit der Session von Zweifeln. Du triffst die Entscheidungen. Du findest in einen Zustand, in dem du dir all die oben genannten Fragen nicht mehr stellst. Du handelst. Je erfahrener du bist, umso eher kannst du mit deiner Rolle spielen und mit mehr Egalität experimentieren.

Gibt es einen Plan?

Da scheiden sich die Geister. Manche BDSM-er sind wahre Projektmanager und können im Vorfeld genau sagen, wann sie was tun. (Für bestimmte Praktiken ist eine gewisse Form der Vorbereitung unabdingbar.) Andere dagegen fahren komplett auf Sicht. Ich gehöre zur zweiten Gruppe. Um gut auf Sicht zu fahren, brauche ich jedoch ein paar Basics. Vor meinen Sessions lege ich mir daher diverse Utensilien zurecht. Von denen lasse ich mich inspirieren, ohne dass ich Gefahr laufe, dass »Nachdenkpausen« entstehen. Die wären kontraproduktiv für das Machtgefälle.

Ich skizziere das mal konkret an einem zeitlichen Ablauf. Eine Stunde vor der Session beginne ich mit den Vorbereitungen und meinem Ritual. Ich dusche, ziehe mir etwas an, das meine Rolle unterstreicht und gehe meine Utensilien durch. Ich überlege mir, wo die Session – räumlich betrachtet – beginnen soll und platziere alles so, dass ich sinnvoll darauf zugreifen kann. Da ich fast immer zuhause spiele, weiß ich, wo was möglich ist. Beispiel: An meinem Treppengeländer kann ich jemanden gut fixieren für CBT (Cock and Ball Torture), Spanking geht dort nicht gut. Über der Sofalehne kann ich jemanden gut für ein längeres Spanking platzieren (Stichwort: Knie schonen). Auf dem Sessel kann ich jemanden gut innerhalb kürzester Zeit annähernd bewegungsunfähig fesseln und mich von ihm lecken lassen.

So ein Gefühl für die Wohnung bzw. für die Location zu entwickeln, gibt mir große Sicherheit. Es lohnt sich, sich hier vorher ein paar Gedanken zu machen. Auf dem Bett liegend zu bemerken, dass sich die Seile zum Fixieren im Wohnzimmer befindet, bringt dich unter Umständen aus deiner Rolle heraus, was wiederum Auswirkungen auf den passiven Part haben kann.

Zurück zum zeitlichen Ablauf. Alles ist soweit platziert und ich achte darauf, noch ein paar Minuten für mich zu haben, um vollkommen in meine Klarheit zu kommen. Betritt mein Partner die Wohnung, wird er diese Stimmung sofort spüren. Ihm direkt zu sagen, er solle sich ausziehen, kann ebenfalls sehr förderlich für das Machtgefälle sein. Da entwickelt jedes Paar sein eigenes Ritual. Manche starten eine Session mitten aus einer Alltagssituation heraus, andere buchen ein Studio und für viele ist beispielsweise das Anlegen eines Halsbands das Zeichen, dass nun beide in ihren Rollen sind.

Deine Frage, wie man in eine Session kommt, beantworte ich daher wie folgt: Du als Aktiver beginnst die Session. As simple as that. In meinem Fall kann das eine Nachricht sein, in der ich schreibe: »Heute Abend wirst du dein Halsband tragen.« Oder: »Heute Abend erwarte ich dich vorbereitet und gespült, weil ich Lust habe, dich zu nehmen.« Oder: »Morgen Abend möchte ich ein Spiel mit dir spielen und ich will, dass du dafür XY für mich trägst.«

Das kostet Mut. In eingespielten Beziehungen löst das unter Umständen kleine Widerstände aus. (Und es sollte natürlich immer eine Exit-Möglichkeit geben.) Es ist wichtig, bei dir zu bleiben und eine klare Linie zu fahren.

Die Qual der Wahl

Du bist vorbereitet, das Machtgefälle steht, die passive Person ist einsatzbereit – was passiert jetzt? Tja, das kommt nun tatsächlich auf eure Vorlieben an. D/S-orientierte Paare beginnen womöglich mit einer Fußmassage oder längerem Knien, während Dom sein Buch weiterliest. Sadisten dirigieren den Masochisten zum Bock, um ihn aufs Spanking vorzubereiten oder leiten andere schmerzfördernde Maßnahmen ein. Die Erniedriger starten mit einer Natursektdusche oder lassen ihren Partner eine Strafarbeit über die vergangenen Verfehlungen aufsetzen. Die Rigger haben das mit dem Machtgefälle vielleicht sogar weggelassen und platzieren ihr Bunny sanft auf dem Bett, um ein liebevolles Bondage zu beginnen.

Da du dich als Vanilla Plus bezeichnest, könnte Oralsex ein guter Start sein. In Kombination mit einer erniedrigenden Haltung (gefesselten Händen), hat das in der Regel eine ganz gute Wirkung. Oder du hast deinem Partner/deiner Partnerin zuvor aufgetragen, sich akkurat zu rasieren. Zur Begrüßung gehst du mit ihm/ihr ins Bad, um das zu kontrollieren. Natürlich (!) findest du ein paar Härchen, deren Vorhandensein du mit einer Strafe belegst. Vielleicht erregt deinen Partner/deine Partnerin diese Untersuchung, was ebenfalls von dir kommentiert wird. Oder du sagst ihm/ihr, er/sie soll über das letzte Mal Selbstbefriedigung detailliert Bericht erstatten. Ich könnte noch hunderte Ideen aufzählen – am Ende entscheiden eure Vorlieben darüber, wohin die Reise geht. (Mehr Ideen gibt es unter anderem in den beiden Büchern von Lady Sas: für MaleDom/FemSub und für FemDom/MaleSub)

Der einzige konkrete Tipp, den ich geben kann: Verzettel dich nicht. Im Kopf schwirren vor der Session so viele Ideen herum. Konzentriere dich lieber auf 2-3 Techniken bzw. Sequenzen. Beispielsweise: Facefuck mit gefesselten Händen als Einstieg, Tease and Denial (weiterhin gefesselt) und danach – je nach körperlicher Verfassung – ein Spanking.

À propos Spanking. Du hattest gefragt, wie lange ein Spanking dauert. Das kommt auf die Verfassung deines Partners/deiner Partnerin an und auf deine Ziele. Soll das Spanking im Mittelpunkt der Session stehen? Dann dauert es sicherlich länger und du wirst unterschiedliche Werkzeuge einbinden. Handelt es sich um eine Züchtigung wegen einer Verfehlung in der Session? Dann wirst du unter Umständen nur ein paar korrigierende Schläge mit der Hand verteilen. Wichtig: Bei längeren und intensiven Flagellationen ist eine Vorbereitung der Haut unabdingbar. Das Risiko für Verletzungen ist bei gut durchblutetem Gewebe deutlich geringer.

Let’s talk about sex

Kommen wir zur BDSM-Gretchenfrage: Wie halten wir es mit dem Sex? Für mich gibt es darauf nur eine einzige, relevante Antwort: Wenn ich als Aktive Lust auf Sex (Penetration) habe, dann habe ich Sex.

Aufgrund meiner Erfahrung weiß ich, dass ich nach einer Penetrationssequenz bzw. nach einem vaginalen Orgasmus nicht mehr in ein dominant-sadistisches Mindest finde. Außerdem lässt sich bei MaleSubs unglaublich viel Spannung damit erzeugen, dass die Aussicht auf Penetrationssex besteht. Daher stelle ich den Sex – sofern er stattfindet – ans Ende der Session. Für mich ist Sex somit das Mittel, aus der Session zurück in die Augenhöhe zu kommen. Als Switcherin mache ich zudem von der Gelegenheit Gebrauch, meinem Partner (i. d. R. ebenfalls Switcher) etwas Raum für seine Dominanz zu geben. Ich stelle sozusagen wieder das »Gleichgewicht« der Kräfte her, da wir im Alltag kein Machtgefälle leben.

Für MaleDoms mag das wieder anders aussehen. Als Passive hatte ich mit allen meinen Herren Sex und das lief meistens unter dem Aspekt der Erniedrigung. Hart gefickt zu werden lässt sich sehr gut in eine Session integrieren.

Schluss machen

Für mich markiert Sex meist das Ende einer Session. Erfahrungsgemäß ist es für MaleSubs manchmal schwierig, von der Session Abschied zu nehmen, wenn sie keinen Orgasmus hatten. Selbst wenn das vorher vereinbart wurde oder ich das entschieden habe, fällt ihnen der Abschluss schwer. Eine Lösung ist, die aufgebaute (sexuelle) Spannung in unsexuelle Tätigkeiten zu lenken – beispielsweise das Spielfeld aufzuräumen, während ich ein Bad nehme. Wenn er sich wieder ausreichend gesammelt hat, gehen wir zur Aftercare über, gönnen uns ein wenig Nähe und besprechen die Session – sofern es Bedarf gibt.

Du wirst während des Spiels selbst merken, zu welchem Zeitpunkt deine Energie abnimmt. Wenn du nahe bei dieser Intuition bleibst, ist die Chance hoch, dass für euch beide ein authentischer Abschluss entsteht. Da bist du als Aktive/-r gefragt. Ganz praktisch gesehen kannst du das mit deinen Handlungen unterstreichen: Fesslung/Fixierung lösen, mehr Streicheleinheiten geben, Intensität (beim Spanken o. ä.) rausnehmen, das Setting Richtung Bett verlagern. Wenn ihr die Erfahrung macht, dass euch der Abschluss schwer fällt, könnt ihr vor der nächsten Session besprechen, was hilfreich ist, um wieder im Alltag anzukommen.

Ich hoffe, ich konnte den Nebel etwas lichten. Falls sich mehr Fragen auftun, freue ich mich darauf, sie zu lesen – und vielleicht zu beantworten. Eine tolle Quelle für authentisches BDSM ist die Spieler-Reihe von Cornelia Jönsson. BDSM-Pornos schaue ich nicht. Da habe ich leider keine Empfehlungen für dich.

Viel Spaß beim Entdecken deiner Rolle und beim Ausprobieren!

1 Kommentar

  1. Christian_who says:

    Ich kann es gar nicht fassen. Du bist so unglaublich gut als Ratgeberin. Danke Marie.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.